Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 42 (9.10.1878)
- Date
- 1878-10-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Alles, was ich von jenen Stücken gehört," sagt er, „hat mich nicht neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennen zu lernen, die über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hinaus zu schreiten scheinen." Und wenn er später sein Urtheil ändert, geschieht es ausschließlich in Be ug auf Hamlet. Dessenungeachtet bin ich mit dem bereits Gesagten, was lediglich eine Abspiegelung des Eindrucks ist, den die Lectüre sowohl als die Aufführung des „Kaufmann" auf mich hervorbrachten, weit entfernt von dem Gedanken, der allgemein anerkannten Geistesgröße Shakspeare's, noch der besonders jetzt durch die neue illustrirte Ausgabe seiner Werke ihm in Deutschland zu Theil werdenden Verherrlichung auch im Geringsten nur zu nahe treten zu wollen. Soll es nun auf Erden nichts Vollkommenes geben, und hat selbst das Kostbarste seine Schlacken, warum soll es nicht auch bei Ehakspeare's Werken der Fall sein? — Eigenthümlich ist cs, daß, indem den Shakspear'schen Drama's eine nähere Angabe ihrer Gattung auf dem T'.telblatte fehlt, die Meisten mit der bloßen Benennung des „Kaufmann" als Schauspiel sich nicht zufriedenstellend, darüber in einer Meinungsverschiedenheit begriffen sind, ob das L>tück eine Tragödie oder Komödie ist, wodurch die betreffenden Zuschauer bei der Aufführung desselben in Verlegenheit gerathen, da sie nicht wissen, ob sie die Taschentücher an den Mund oder an die Augen bringen sollen —; es könnte aber, meiner Ansicht nach, sehr leicht auf den Gedanken führen, daß es weder dieß noch jenes ist, sondern daß Shakspeare damit eine auf die zur Zeit bestehenden confessionellen und socialen Verhältnisse wie auch auf die Rechtspflege anspielende Satire schreiben wollte. Daß aber diese Ansicht nicht getheilt wird, beweisen dessen noch jetzt so häufig 'stattfindenden Aufführungen, welche nun in solchem Falle ganz überflüssig und nicht zeitgemäß wären, indem unsere Jurisprudenz eine musterhafte ist, und was die confessionellen Verhältnisse anbetrifft, so sind dieselben, wenn auch Manches, namentlich in den weniger civilisirten Ländern, zu wünschen übrig bleibt, bei weitem nicht so arg, daß die darin vorkommenden Handlungen sich sollten darauf beziehen können. Je weniger nun die bereits ausgesprochene! Meinung Anklang finden würde, desto bezeichnender ist es für unsere Zeit, daß dieses Stück trotzdem so oft in Scene geht, namentlich aber wirft es ein grelles Streiflicht auf die Geschmacksrichtung und Denkungsart desjenigen Theiles aus dem Publi- > kum, der daran ein ganz besonderes Wohlgefallen findet, ja im höchsten Grade davon entzückt ist. Aus eben diesem Grunde kann auch die Bühne, welche nach Sch'üer als eine moralische Anstalt zu betrachten ist. wegen öfterer Aufführung solcher Stucke, dereneS glücklicherweise nur sehr wenige gibt, durchaus kein Vorwurf treffen, da es in unserer überwiegend materiellen Zeit vor Allem ihre Aufgabe sein muß, Kassenerfolge zu erzielen. — Uebr igens,was thut's? — dieselben Schauspieler, welche heute den „Kaufmann" geben, sehen wir morgen auf denselben Brettern in dem in seiner Tendenz und Wirkung diametral entgegengesetzten Stücke „Nathan der Weife" auftreten, das seinerseits auch ieine Gönner, natürlicherweise aus einer ganz andern Kategorie, besitzt. Soll nun der Ausspruch Voltaire's: „Ce, qui est trop sot pour etre dit, on le chante,“ maßgebend sein, was schon ein deutscher Recensent mit den Worten: „Wenn ein Unsinn so groß ist, daß er nicht gesprochen werden kann, wird er gesungen," über .Robert der Teufel" in Anwendung brachte, so steht zu erwarten, daß im Laufe der Zeit auch der „Kaufmann von Venedig", wenn er indessen aus dem Repertoir guter Bühnen nicht ganz gestrichen, schließlich zur Oper umaearbeitet wird, und dann wird hoffentlich der Verfasser der Broschüre, „das Judenthum in der Musik." und Componist des Rheingold" nicht lange auf sich warten lassen, um dazu die Musik zu liefern. AeitrrngsnaebriLdterr und Korrespondenzen. Deutschland Berlin. Es ist in diesen Bl. noch nicht erwähnt worden, daß Niemand anders als Berthold Auerbach der geistige Vater der „Wilhelm-Spende" gewesen ist. Er war es auch, der den überaus schwungvollen Aufruf verfaßt hat und auf seinen Antrieb bat dann Graf Molrke und die zahlreichen übrigen Persönlichkeiten von Gewicht, deren Namen man unter dem Aufruf lesen konnte, ihre Unterschrift unter das Elaborat des Erzählers der Dorfgeschichten gesetzt. Berlin. Ein herzzerreißender Fall äußerster Noth wird uns mitgetheilt. Ein junges Mädchen, die Tochter eines verstorbenen Cultusbeamten einer kleinen Synagogengemeinde, die hierher gezogen war und mit der'Nadel kümmerlich ihr Leben fristete, wandte sich vor einigen Tagen an den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde um eine Unterstützung. Da in dem betreffenden