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Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1025 Welch Urtheil soll ichscheun, thu* ich kein Unrecht? Ihr habt viel feiler Sclaven unter Euch, Die ihr wie eure Esel, Hund* und Maulthier In sclavischem, verworfenem Dienst gebraucht, Weil ihr sie kauftet. Sag* ich nun zu Euch: Laßt sie doch frei, vermählt sie euren Erben, Was plagt ihr sie mit Lasten? laßt ihr Bett So weich als eures sein, labt ihren Gaum Mit eben solchen Speisen. Ihr antwortet: Die Sclaven sind ja unser; und so geb* ich Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange, Ist theuer gekauft, ist mein, und ich wills haben." In den eben angeführten Citaten machen sich folgende Umstände besonders bemerkbar: Wohl ist es Jedermann einleuchtend, wenn ein Richter zwischen zwei im Streite begriffenen Parteien einen gütlichen Ausgleich anzustreben sucht. Aber wenn derselbe von der einen Seite nur Zugeständnisse beansprucht und ausschließlich zu Gunsten der anderen handelt, wie aus obiger Anrede des Doge an Shylok herorgeht, so bewährt er sich keinesweges als der Mann, in dessen Händen die Wagschale der Gerechtigkeit ruht, sondern vielmehr als einseitig handelnder Vermittler, wobei wir den richterlichen Charakter vollständig vermissen. Während nun, wie gesagt, dem Verfahren des Doge jedes Merkmal eines Rechtsverfahrens ganz abgeht, treten in dem durch die Erwiederungen hierauf gewissermaßen gekennzeichneten Charakter Shylok's zwei Züge hervor, die sehr zu seinem Vortheile sprechen. Obschon durch die Jntrigue seiner christlichen Feinde eines beträchtlichen Theiles seines Vermögens beraubt, ist er dennoch um keinen Preis auf Genugthuung wegen der ihm angethanen Beleidigung zu verzichten geneigt; er huldigt dem schnöden Mamon durchaus nicht, sondern dringt auf Befriedigung seines verletzten Ehrgefühls als Mensch und Vater, was nun wiederum mit dem Charakter eines Wucherers unstreitig in krassestem Widerspruche steht. Dann hören wir ihn auf den Mißbrauch der Menschenrechte anspielen. indem er feinen ausgesprochensten Widerwillen gegen die Sklaverei bekundet, die er als Ungerechtigkeit unverholen brandmarkt, welche humane Gesinnung sich ebenso wenig mit der eines nach Blut Lechzenden in Einklang bringen läßt. Wir kehren nun zu dem Fortgange unseres Dramas zurück. Nachdem alle Ueberredungskraft des Doge gescheitert, tritt Porzia auf, die von der Gnade eine höchst erbauliche, tief ergreifende Predigt zu halten weiß, die folgendermaßen lautet: „Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang, Sie träufelt wie des Himmels milder Regen Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet, Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt, Am mächtigsten im Mächt*gen, gibt sie Den Fürsten auf dem Thron mehr wie die Krone; Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt, Das Attribut der Würd* und Majestät, Worin die Furcht und Scheu der Könige sitzt. Doch Gnade ist über die Zeptermacht, Sie thronet in dem Herzen der Monarchen, Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, Und ird*sche Macht kommt göttlicher am nächsten, Wenn Gnade bei dem Recht steht; darum Jude, Suchst du um Recht schon an, erwäge dieß: Daß nach Lauf des Rechts unser keiner Zum Heile käm; wir beten all* um Gnade, Und dieß Gebet muß uns der Gnade Thaten Auch üben lehren. Dieß habe ich gesagt, Um deine Forderung des Rechts zu mildern. Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort Zum Nachtheil einen Spruch thun." Wirklich, höchst salbungsvoll! Aber wie übt sie selbst Gnade? Nachdem Dank ihrer Weisheit und Berufung auf das Gesetz Shylok sein übriges Hab und Gut verliert, indem die eine Hälfte davon Antonio, seinem schlimmsten Feinde, zuerkannt wird und die andere dem Slaate verfällt, während ihm das Leben nur aus Gnade gelassen wird, übt jener eine Großmuth, der unendliche Bosheit sowohl als Albernheit zu Grunde liegen. Antonio, dessen Wesen -er Verfasser das Siegel des Leichtsinns und frechen Uebermuths, die das ganze dramatische Gewebe durchziehen, aufgedrückt hat, begnügt sich mit der Hälfte des ihm zuerkannten Theiles von Shyloks Vermögen, wogegen er aber verlangt, daß die zweite Hälfte nach dessen Tode dem Christen Lorenzo, der seine Tochter stahl, wie er selbst zu sagen sich nicht entblödet, gehören, Shylok selbst einen auf Lorenzo und Jessika lautenden Schenkungsact seines sämmtlichen Nachlasses ausstellen und schließlich zum Christenthum übertreten solle. Fürwahr! erfinderischer konnte die spanische Inquisition kaum wohl sein! .... Und Porzio, dieses junge, gebildete, mit Witz und Geistesreichthum ausgestattete Mädchen, das überdies aufrichtige Liebe im Busen trägt, besitzt, obschon der zarteren Hälfte des Menschengeschlechts angehörend und trotz des erhabenen Bildes, welches sie von der Gnade in so farbenreicher Schönheit zu entwerfen wußte, Härte genug, dieses Berdammungsurtheil über Shylok zu bestätigen. Unwillkürlich drängen sich hier die Worte jenes großen Dichters auf, die er in Betreff der Werke Shakspeare*s seinem Wilhelm Meister in den Mund legt:

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