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Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1024 ihn zu belehren, daß in der Regel die Mitglieder einer jüdischen Familie ein zu enges Band umschlingt, als daß eine solche Scene für eine aus dem Leben gegriffene betrachtet, oder auch einer ähnlichen Hypothese nur Raum gegeben werden tonnte. Was Wunder nun, — wenn wir zu dem wirklich Vorhandenen übergehen — daß der mit einem Mal seines Kindes und eines Theils seines Reichthums so unerwartet beraubte Vater, der sich ohnedies schon bis zur Erbitterung gekrankt fühlte und auf Rache sann, durch einen solchen Zwischenfall zur Verzweiflung gebracht wird. in wilder an Besinnungslosigkeit grenzender Leidenschaft auSbricht und in seinem Vorhaben bezüglich der Ausführung seines Planes unerschütterlich bleibt? So hören wir ihn Akt 3. Sc i in seinem Gespräche mit Salarino über die Flucht Jessica's und Ausübung seiner Rache an Antonio folgender Weise seinem Groll Luft machen: Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen. mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergifte! sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wirs euch auch darin gleichthun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demuth? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt? was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu,! Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will : ich ausüben, und eS muß schlimm hergehen, oder; ich will es meinen Meistern zuvorthun. . Wie dem nun ist, gipfelt allenfalls in diesem! Stücke das Streben des Juden in der Ausführung eines Racheplanes an Antonio, für die ihm Seij lens desselben in schonungslosester Weise zugefügj ten Beleidigungen und Schmähungen, die er seinen > Gegnern frei und unumwunden vorhält und damit seinen Vorsatz begründet. Wodurch aber recht-! fertigt Antonio seine gehässige Verfahrungsweise j gegen einen Nebenmenschen, der sich nur durch den! Glauben von ihm unterscheidet? Was berechtigt! ihn, diesem auf so verwerfliche Art zu begegnen j und in seiner Intoleranz es bis zur Unmenschlichkeil zu treiben? Wer ist also hier der Strafbare? Antonio oder Shylok? Wer erscheint hier in dunklerem Lichte? Antonio, der durch seine Rohheiten einen Menschen derart quält, daß er ihn zur Rache herausfordert, oder Shylok, der sich wegen der erduldeten Qual rächen will? Nichtsdestoweniger beliebt es dem Autor Shylok an den Pranger zu stellen und an ihm eine Strafe vollziehen zu lassen. die für einen solchen an Grausamkeit Alles, selbst die Todesstrafe überbietet. Und in welcher Weise bringt er dies zu Stande? Man höre! Vor Gericht erschienen, verlangt der in seinem Benehmen durchaus nicht unbefangene Doge von diesem, auf die nur erdenklichste Art durch Schmähungen , Vermögens - und Kindesraub gepeinigten und gefolterten Juden, für den man keinen Funken von Menschlichkeit im Busen trägt, Milde und Erbarmen, ja Großmuth. „Shylok", ruft der Doge diesem zu, „Die Welt denkt, und ich denk' es auch, Du treibst diesen Anschein Deiner Bosheit Nur bis zum Augenblick der That; und dann, So glaubt man, wirst Du Dein Erbarmen zeigen Und Deine Milde, wunderbarer noch Als Deine angenommene Grausamkeit. Statt daß Du jetzt das Dir Verfallene eintreibst, Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch, Wirst Du nicht nur die Buße fahren lassen, Nein, auch gerührt von Lieb' und Menschlichkeit Die Hälfte schenken von der Summe selbst, Ein Aug' des Mitleids auf die Schaden werfend, Die kürzlich seine Schultern bestürmt: Genug, um einen königlichen Kaufmann Ganz zu erdrücken, und an seinem Fall Theilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen, So hart wie Kieselstein, von eh'rnen Busen, Von Türken und Tartaren, nie gewöhnt An Dienste zärtlicher Gefälligkeit. Wir all' erwarten milde Antwort Jude," Allein Shylok, der die Beweggründe seines Schrittes bereits angegeben hat, weicht vor Gericht, entweder um kurz^ zu machen oder die parieinehmend klingende Sprache des Richters nicht angemessen aufnehmend erachtend, jeder weiteren Erklärung aus. Er besteht hartnäckig auf seinem Rechte, das ihm um keinen Preis feil ist und verzichtet auf alle ihm dafür dargebotene Summen. „Wär jedes Stück von den dreitausend Dukaten," erklärt er Akt 4, Sc. 1. „Sechsfach getheilt und jeder Theil n' Dukat Ich nähm' sie nicht, ich wollte meinen Schein." Und als der Doge gar auf seine Gnade pocht, erwiedert er:

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