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Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIX. Jahrgang. Erste Beilage M Nr. 41 & 42 des Israelit. Leitender Artikel. ShaKspeare's „Kaufmann von Venedig" kritisch beleuchtet von M. Brüll. (Fortsetzung und Schluß.) Weiter in derselben Scene desselben Akts wirst er Antonio selbst vor: „Signor Antonio, viel und oftermals Habt ihr auf dem Rialto mich geschmäht Um meine Gelder, und um meine Zinsen; Stets trug ich's mit geduldigem Achselzucken, Denn Dulden ist das Erbtheil unseres Stammes. Ihr schaltet mich abtrünnig, einen Bluthund. Und speit auf meinen jüdischen Rockelor, Blos weil ich nutze, was mein eigen ist, Gut denn, nun zeigt es sich, daß ihr mich braucht. Da habt ihr's; ihr kommt zu mir und sprecht: ,,Shylok, wir wünschten Gelder." So sprecht ihr, Der mir den Auswurf auf den Bart geleert. Und mich getreten, wie ihr von der Schwelle Den fremden Hund stoßt; Geld ist euer Begehren Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen: „Hat ein Hund Geld? Jst's möglich, daß ein Spitz „Dreitausend Dukaten leihn kann?oder soll ich Mich bücken, und in eines Schuldners Ton, Demüthig wispernd, mit verhaltenem Odem, So sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet ihr mich an; ihr tratet mich den Tag; Einandermal hießt ihr mich einen Hund Für diese Höflichkeiten will ich euch Die und die Gelder leihen. Was erwiedert ihm Antonio darauf? Nicht allein er versucht es nicht einmal ihn zu besänftigen , noch durch eine Motivirung der ihm zur Last gelegten Ungerechtigkeiten sich zu rechtfertigen, sondern antwortet trotzig: Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen, Dich wieder anspeien, ja mit Füßen treten. Was ist nun natürlicher, als dergleichen Redensarten und übermüthiges Verhalten, die um so arroganter erscheinen müssen, da Antonio, selbst in einem Momente, wo er der Hilfe Shyloks benöthigt ist, sich nicht darin zu mäßigen sucht, in diesem Rachegedanken wach riefen und ihn bestimmten, die sich darbietende Gelegenheit dieselben ausführen zu können, auszubeuten? Er wurde ja durch die. über allen Ansland und Rücksichten hinwegschreitende Handlungsweise Antonio's auf die empfindlichste Art dazu herausgefordert. Und als ob dies allein nicht hinreichend wäre, Shylok in seinem Rachedurst bis zum Aeußersten zu treiben; als ob die in besprochenem Drama enthaltenen Mißgriffe, ohne den folgenden nicht die erforderliche Zahl erreichten, setzt ihm der Dichter durch die aller Moral und Sittlichkeit Hohn sprechende Episode des Diebstahls und der Entführung die Krone auf, wodurch es in seiner Art zu einem Vollkommnen wird. Wessen sittlich-moralisches Gefühl empört und sträubt sich nicht in voller Bedeutung des Wortes bei dem Anblicke, wie die eigene Tochter ihrem Vater sein Vermögen stiehlt und sich sammt dem gestohlenen Gute von einem Andersgläubigen, der zu ihres Vaters schlimmsten Feinden gehört, von Lorenzo nächtlicherweife entführen läßt? Welches Vater- oder Mutterherz fühlt sich nicht in Gegenwart einer so ruchlosen That eines in diesem Grade pflichtvergessenen Kindes von tiefster Wehmuth ergriffen? Welche sittsame, tugendhafte Jungfrau wendet nicht mit Abscheu und Entrüstung ihr Gesicht davo; ab? Und welcher nicht ganz gewissenlose Abenteurer, dem ein Weiberraub vielleicht als eine ritterliche Heldenthat erscheinen würde, kann sich gegenüber einer so niederen Handlung als die des damit verbundenen Diebstahls, eines Gefühls unüberwindlichster Verachtung erwehren? Wahrlich! diese Scene des von Jessika verübten Diebstahls, Lorenzo's Hehlerei und der Entführung , welche in unserem Stücke gewissermaßen ein Theil der dramatischen Entwickelung ist, könnte selbst einem in Bezug auf die Unmoralität seiner Werke so sehr in Deutschland verrufenen Sardou und Genossen reichlichen Stoff zu einem ganz neuen Drama bieten, in welchem jedoch von Rechtswegen die Entwickelung zeigen müßte, daß das flüchtig gewordene iebes-- und Diebespaar ergriffen wird, die Tochter mit zerknirschtem und reuevollem Herzen ihren Vater um Vergebung bittet und dem als Hehler Mitschuldigen feine wohlverdiente Strafe zu Theil wird. Außerdem würde ein tieferer Einblick in daS jüd. Familienleben dem Verfasser genügt haben, um

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