Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 42 (9.10.1878)
- Date
- 1878-10-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1018 lungen in hervorragender Weise interessiren, ist selbstverständlich. So lange die Gegner der preußischen Kirchenverfassung, die Conservatiren und Ultramontanen, durch jene Gesetze in Schranken gehalten wurden und im mühevollen Ringen nur ihre eigene politischen und soziale Existenz begriffen waren, war ihnen wenigstens theilweise der Muth benommen, ihren Hetzereien gegen Juden und Judenthum, wie sie dieselben zu cultiviren pflegten, weiter zu treiben, die Herren Feudalen und Mucker, sie hüllten ihr Haupt in Sack und Asche ob des Abfalls von der mittelalterlichen Tratition rücksichtslos gehässiger Gesinnung gegen die Judenheir und ergingen sich in wehmüthigen und vorwurfsvollen Lamentationen gegen die Urheber jener Gotteslästerlichen Verordnungen; und die Männer, die jenseits der Berge aus Nom sich Raths einholten, sie sahen das Damoklesschwert unnachsichtlicher Strenge über ihrem Haupte schweben, seitdem durch die Maigesetze den seit Jahrhunderten geübten und gesteigerten Anmaßungen des katholischen Clerus ein Ziel gesetzt und strengste Unterordnung unter die bestehende Verfassung zur Pflicht gemacht wurde. Wahrlich, es blieb den Herren nur wenig Zeit, ihrer Lieblingsaufgabe weiter zu folgen, Haß und Geringschätzung gegen das Judenthum zu schüren und die ungebildeten Massen zu Akten rohester Gewalt gegen dasselbe anzustacheln Nun aber sollen jene Beschränkungen wenn auch nicht ganz, so doch theilweise aufhören und die Geistlichkeit wieder in den unbestreitbaren Besitz ihrer früher angemaßten und durch die Jahrhunderte sanctionirten Rechte gelangen. Wer weiß, wie bald auch die Juden wieder den Stoff zu gehässigen Artikeln in ihren Organen liefern müssen, und das in Fanatismus und Aberglaube großgezogene Publikum über die vermeintliche Absichten der Juden und ihre Bedeutung für die Entwicklung des geistigen und religiöse Lebens zu belehren. Jndeß läßt sich von der Loyalität der Behörde erwarten, daß sie für derartige Vorkommnisse nach wie vor ein wachsames Auge haben und sie mit aller zu Gebote stehenden Strenge verfolgen werde. Noch von anderer Seite sehen wir in allerjüngster Zeit einem nicht minder gefährlichen Compromiß mit den ausgesprochensten Gegnern alles dessen, was Juden und Judenthum betrifft, eingehen und zwar von einer Seite, auf welcher man sich jseit Jahrzenten gewöhnt hatte, das lebhafteste Interesse für völlige Gleichstellung der Confcssioncn zu finden, wir meinen Oesterreich. Da meldete nämlich der Telegraph unterm 1. October, daß vom Wiener Cabinet die Ernennung des Grafen Hoyos-Sprinzenstein zum außerordentlichen Gesandten am rumänischen Hofe vollzogen worden ist. Es ist klar, daß diese Ernennung eine Anerkennung des rumänischen Souverenität involvirt, und daß Oesterreich somit, trotzdem Fürst Carolo dem Berliner Vertrage zuwider die Emanzipation der Juden noch immer nicht zur Wahrheit macht, sondern dieselben nach wie vor in ihrer exclusiven Stellung als Parias der Gesellschaft beläßt, also trotz alledem die Autonomie Rumäniens anerkennt, welche demselben nur unter ganz bestimmten Bedingungen zuerkannt worden ist Wenn das Petersburger Cabinet sich hierzu hat bereit finden lassen, so darf das nicht Wunder nehmen bei einem Lande, in welchem dem Juden noch so viele Rechte entschieden vorenthalten werden. Hat ja Fürst Gortschakoff beim Congreß zum Beweis dafür, daß die Juden keiner Gleichstellung bedürfen, auf das Beispiel Rußlands hingeweisen und somit das Zustandekommen des betreffenden Artikels zu verhindern versucht. Glücklicher Weise th ilten die übrigen Congreßbevollmächtigten, unter ihren nicht in letzter Reihe Graf Andrassy, die Ansicht jenes Diplomaten nicht und so wurde die Lösung der Judenfrage als eonäitio sine qua non für die Selbstständigkeitserklärung Rumäniens hingestellt. Wie bereits in diesen geschätzten Blättern berichtet wurde, fand der Ministerpräsident Cozalniceano auf seiner Rundreise an den europäischen Höfen wenig sympathisches Entgegenkommen für seine Vorschläge betreffs der Aenderung des betreffenden Artikels, und besonders verdient die Haltung des italienischen Ministers dieser Forderung gegenüber volle Anerkennung. Was mag nun aber in aller Welt die österreichische Regierung dazu bestimmt haben, ihre bisher befolgte Taktik aufzugeben. Augenscheinlich ist das Verlangen während die österreichischen Truppen mit der Pazifizirung der aufständischen Provinzen beschäftigt, ein freundschaftliches Einvernehmen mit den rumänischen Nachbarn zu erhalten. Sollte aber Graf Andrassy gewillt sein, in die Bedrückung und Verfolgung, denen die Juden in Rumänien stets ausgesetzt sind, zu willigen und so vielen österreichischen Unterthanen, die in Rumänien ihren Wohnsitz haben, den ihnen durch die Congreßbeschlüffe garantirten Schutz zu versagen? Es ist kaum zu bezweifeln, daß dieser moäns vivendi den österreichischen Politik nach Außen, wie auch ihrer Popularität nach Innen großen Eintrag thun wird, und es hieße fürwahr, aus eigennützigem Interesse barbarische Culturlosigkeit und Demoralisation, die Graf Andrassy, sowie überhaupt Oesterreich stets wacker und energisch bekämpfen, auf europäischem Boden nicht blos dulden, sondern sogar fördern. Es steht deßhalb zu hoffen, daß das Wiener Cabinet in Stunden ruhiger Ueberlegung die nothwendigen Consequenzen seines Verhaltens Rumänien gegenüber ziehen und seine Hand von diesem gefährlichen Spiel zurückziehen wird. Uebrigens steht es außer Frage, daß gleich wie Italien, so auch Deutschland, England und Frankreich »auf der stritten Befolgung der Congreßbeschlüsse bestehen und andernfalls Rumänien ihre Anerkennung entschieden versagen werden. Wie wir hören, gedenkt die Pariser Alliance sich mit einem Empfehlungsschreiben ihrs ehrewerthen Präsidenten Cremieux an die Bevollmächtigten der europäischen