Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1878)
- Date
- 1878-10-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1009 den, die Sucht nach Blutvergießen liegt entschieden nicht darin, wofür uns die betreffende Statistik und! Geschichte hinlängliche Beweise liefern. Einige, nur sehr wenige Momente ausgenommen, erscheint auch Shylok auf der Bühne mit seinem blani ken Messer, das er bald an der Fußsohle wetzt, bald j mordsüchtig schwingt, nichts weniger als Jude. Er! tritt vielmehr als ein zwitterartiges, sich lärmend und! tobend herumtummelndes Wesen auf, das sich durch I irgend einen Namen schwer bezeichnen läßt, und zwar! um so mehr, da selbst die im besten artistischen Rufe j stehenden Schauspieler, bemüht, einen Charakter darzu-! stellen, der schwerlich wo zu finden ist, der Uebertreibung,! so wie einer gewissen Art von Geberdung, die weit von! Natürlichkeit abweichen müssen, sich nicht entschlagen j können. Aber gesetzt, der venetianische Jude wäre abtrün-! nig genug und würde den wahren jüdischen Charakter! so weit verleugnen, um einen Mord begehen zu wollen, j hatte er dazu eine Veranlassung? und welche? Wird j die später ihm zugedachte Strafe durch den weiteren - Fortgang der Aktionen gerechtfertigt? — Wir wollen! dies gleich sehen.! Allerdings läßt der Autor den Juden, in dessen j Unterredung mit Bassanio, Akt 1 Sc. 6, seine Anj gaben der Beweggründe zur Rache an Antonio, vor-? ausschicken: »Ich hoffe ihn, weil er von den Christen ist,; Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt! Umsonst Geld auSleiht, und hier in Venedig; Den Preis der Zinsen uns herunterbringt."! Allein wäre es nicht vielleicht schon irrthümlich diese Aeußerung, wegen der Art wie sie geschieht, als! eine aus direkten Haß der Christen, oder wegen Beeinträchtigung im Erwerbe hindeutende aufzufassen, so ist sie auch im Zusammenhänge mit den übrigen, unmittelj bar daraus und weiter folgenden Erklärungen, die sein Vorhaben begründen sollen, ganz verschwindend; denn | er fügt gleich hinzu: ' j „Wenn ich ihm mal die Hüfte rühren kann, So thu' ich meinem alten Grolle gütlich. Er haßt mein heilig Volk, und schilt selbst da, Wo alle Kaufmannschaft zusammen kommt, Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn, Den er nur Wucher nennt." j (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten 8f Korrespondenzen. Deutschland. Sttttt-art, im Sept. Die Comitö-Mitglieder des dahier bestehenden Vereins für israel. Krankenpflege und Leichenbestattung — n"j *n — fordert seine Mitbürger und Glaubensgenossen mittelst Cirkulars auf, hier ein besonderes israelitisches Spital zu errichten. An der Spitze des Projektes steht der Banquier Herr S. D. Nördlinger von hier. Das Comitö glaubt annehmen zu dürfen, daß dieser seit längerer Zeit in der Residenz aufgetauchte Plan in immer weiteren Kreisen Freunde und Anhänger gefunden habe, dennoch aber nahm das isr. Kirchenvorsteheramt, das schriftlich angegangen wurde, Anstand, die Angelegenheit offiziell in die Hand zu nehmen. Die Unternehmer sind daher auf die Selbstthätigkeit und Opferwilligkeit der einzelnen Gemeinde- und Glaubensgenossen angewiesen und glauben keine Fehlbitte zu thun, wenn sie sich zu diesem großen Zwecke an die Herzen ihrer Mitbürger wenden. Das Comits erinnert mit Recht an die häßlichen Vorkommnisse der Proselytenmacherei, welche in verschiedenen hiesigen Spitälern vor noch nicht langer Zeit gegenüber israel. Kranken vorkamen und die mit ihren haarsträubenden Details noch in Erinnerung eines Jeglichen sind. Diesen Fakten liegt ein gewisses System zu Grunde. Dieselben dürften sich daher, wenn auch die bekehrungssichtigen Missionäre vielleicht vorsichtiger sein werden, von Zeit zu Zeit wiederholen, da der fanatische Eifer der schlauen Seelenfänger nicht ausstirbt. Bei einem solchen Zustand wird dem Kranken und Sterbenden nicht nur das Trostwort der Religion nicht gespendet, sondern vielmehr dem Leidenden das Dasein, dem Sterbenden der Tod verbittert. Dazu kommt noch das weitere Moment, daß in den dahier bestehenden Spitälern die Reichung von koscherer Kost nicht möglich ist und die Nichtberücksichtigung einer solchen Gewissenspfiicht, welcher dem Kranken meist religiöses Bedürfniß ist. das Gemüth beunruhigt und die Heilung oft erschwert. Der isr. Gemeinde in Stuttgart, welche zahlreich ist an wohlhabenden Mitgliedern, dürfte wohl gelingen, was in kleineren Gemeinden, z. B. in Carlsruhe, schon längst geschehen ist, umsomehr, als nach verläßlichen Erkundigungen die Erbauung des Spitals und die Herstellung der inneren Einrichtung einen Kostenaufwand von nur etwa 50,000 Mark nicht überschreiten wird, da ein zweistöckiges Gebäude nebst Garten dem Bedürfniß vollkommen Genüge leisten soll. Der größte Theil, wenn nicht der ganze Betrag, möchte durch freiwillige Spenden aufgebracht werden.