Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1878)
- Date
- 1878-10-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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998 „Es ist so, wie ich vermuthe," sagteer, „kommt, ich führe Euch zum Ritter Theuerdank." Rabbi Joselmann folgte dem Voranschreitenden. Ungehindert schritten sie über die herniedergelasseue Zugbrücke durch die Pforten des Residenzschlosses, durch Vorhöfe. Corridore und eine ganze Reihe von Zimmern hindurch. „Wartet hier ein wenig," sagte Herr von der Rosen, „ich werde Nachsehen, ob der Ritter Theuerdank zu Haase und für Euch zu sprechen ist." Nach wenigen Minuten kehrte er wieder zurück und hieß den Harrenden einzutreten. Im bequemen Hausanzuge saß der Ritter in einem Lehnsessel. „Willkommen, Joselin," rief er dem Eintretenden entgegen. „Nun, hast Du schon Audienz beim Kaiser gehabt?" Rabbi Joselmann bemerkte das eigenthümliche Lächeln des Fragenden, er erinnerte sich, daß der Wirth „Zur Katz" nie von einem Ritter Theuerdank gehört hatte, während dieser doch ein sehr vornehmer Herr zu sein schien, er gedachte der sonderbaren Art. wie Herr Kunz von der Rosen die Kunde vom Ritter Theuerdank vernommen, er gedachte, wie genau dieser Ritter Theuerdank die Jugendgeschichte des Kaisers kenne, und plötzlich überkam es ihm wie eine Erleuchtung und er rief: „„Wie danke ich meinem Gotte, der mir das Glück gewährt, meines großmächtigen Kaisers Antlitz zu schauen!"" „Wer hat Dir gesagt, daß ich der Kaiser sei?" „„Es hat es mir Niemand gesagt; die Majestät. die aus meines allergnädigsten Herrn Antlitz leuchtet, hat mir die Vermuthung nahe gelegt, daß ich den ersten und größten Herrscher der Welt erblicke , den Sohn und Enkel und Nachfolger so vieler ruhmgekrönter Monarchen, den erhabenen Kaiser, dem an Heldenmuth und Edelsinn Niemand gleichet auf Erden, der selbst nichts sein will als ein kühner Ritter, der auf Abenteuer denkt.*)"" Der Kaiser setzte ein silbernes Glöckchen in Be egung, das vor ihm auf dem Tische stand. „Kunz soll kommen!" befahl er dem eintretenden Diener. Als Herr Kunz von der Rosen erschien, fragte ihn Maximilian: „Hast Du dem Manne hier gesagt, wen Du unter dem Ritter Theuerdank vermuthest?" *) Theuerdank; das ist, einer der auf Abenteuer denkt. „„Nicht eine Silbe!"" antwortete Kunz. „Gut, Du kannst wieder gehen!" Herr Kunz entfernte sich. „Gestehe mir," sagte der Kaiser zu Rabbi Joselmann, „Du verstehst Dich auf die schwarze Kunst, Du bist ein Kabbalist." „„Gnädigster Herr, wohl habe ich mich mit der Wissenschaft beschäftigt, die man die Kabbalah nennt. Allein es ist ein Jrrthum, wenn man der Kunde dieser Wissenschaft Zauberkünste zuschreibt. Sie lehrt uns nur den Sinn der heiligen Gotteslehre erfassen t und das Wesen des Allmächtigen erkennen, soweit das in diesem Leben möglich ist."" „Du hast mir etwas vorzutragen, Joselin? Wohl, ich will Dich hören. Komme morgen um die neunte Stunde wieder; ich habe jetzt nicht die Muße, Dir längere Zeit zu widmen." „„Majestät . . . „Geh' jetzt und komme morgen wieder." Rabbi Joselmann ging; schon war er an der Thüre, da rief ihn der'Kaiser zurück. „Joselin! Mir scheint fast, Du gehst jetzt ungern von hinnen?" „„Majestät, ich fürchte, daß man mich verhindern wird, morgen vor Eurer Majestät zu erscheinen. Es war ein besonderes Wunder von Gott, dem Allmächtigen, daß man mich in Salzburg hat eingelassen, da es den Juden nicht gestaltet ist, die Hauptstadt des Erzstistes zu betreten; es war ein größeres Wunder, daß es mir gelungen ist, vor Euer Majestät Antlitz zu erscheinen. Wenn ich nun von hinnen gehe, und an der Thüre des Palastes erkennt mich ein Diener des Erzbischofs als einen Juden, so würde man mich aus der Stadt schaffen, und wie sollte meine Klage bis vor Euer Majestät Thron gelangen?"" „Und dennoch wolltest Du gehen?" „ „Ich mußte doch dem Befehle meines Kaisers gehorchen!" " „Du gefällst mir, Joselin." Darauf setzte der Kaiser wiederum das silberne Glöcklein in Bewegung und befahl dem eintretenden Diener, den Juden Joselin in die Kanzlei zu geleiten, damit ihm des Kaisers Geheim - Secretär einen Erlaubnißschein ausstelle für den Aufenthalt in Salzburg und für die morgige Audienz. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).