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Der Israelit · 1878-09-25 · Heft 39 (25.9.1878) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 39 (25.9.1878)
Date
1878-09-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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979 * sprach — und was ich damals im Zimmer bei Wolf Demant gesprochen, mag auch hier in dem wunderbar herrlichen Gotteshause, in der Klaus, gesagt und gehört werden. Mangel an Gottesfurcht ist eine schwere Krankheit unserer Zeit, und Mangel an der Furcht Gottes ist, wenn man es genau bedenkt, nichts anderes — als Gottesläugnung. Glaubt denn der Mensch, der ein Verbrechen im Geheimen begeht, daß des Allwissenden Auge geschlossen ist? Daß der ewig Waltende, ewig Wirkende nicht wacht? hine lo jonum welo sischon schomer Jisroel! Er schlummert und er schläft nicht, der Wächter Israels! — oder glaubt er, der allgewaltige, allmächtige Gott sei zu schwach zu strafen? Oder glaubt er, der all gerechte Gott wolle BöseS unvergolten verüben lassen? — Oder glaubt er, der Thor, der Wahnwitzige!" Rabbi Joels Stimme klang jetzt wie grollender Donner — der Allherr würde sein Verbrechen vergessen. — Glaubt er, der geistig blinde Thor, das wirklich? — ja — dann glaubt er ja an keinen Gott, das Gedankenbild, das sich der Unglückliche von seinem Schöpfer macht, ist nicht das rechte, die höchsten Attribute Gottes, die in ihrer wunderbaren Totalität unsere vom Körper eingeengte Seele nicht zu erfassen vermag, ki lo jirani hoodom wochoi — mich kann der Mensch, der da lebt, nicht erschauen, nicht erfassen, spricht der Herr, — Allwissenheit. Allmacht, Allgerechtigkeit Gottes, die würde der Mensch ja läugnen! — Wer ein Verbrechen im Dunkeln begeht, und sagt und denkt und glaubt, Gott sieht es nicht — der hat seinem Verbrechen noch jenes, frechen Gottesleugnens hinzugefügt; — aber ich sage Euch, die Ueberrafchung aller jener, die im Verborgenen Böses üben, wird an jenem großen furchtbaren Tage, wo jeder Mensch vor dem Richterstuhle des Höchsten steht — eine grauenhafte werden, wenn urplötzlich die Posaune des Weltgerichtes erdröhnen, und die Donner rollen, und die Blitze leuchten und die Welt erbeben und erzittsrn wird in ihren Grundvesten, und die Stimme Gottes des Allhern, wie wildtobender Wasserfall an das Ohr des erschreckten Sünders schlagen und der Allmächtige fragen wird: Du Mensch, der Du insgeheim, bei verschlossenen Thüren, meine Gebote mißachtest, glaubtest Du, ich sehe es nicht? Du Mensch! der Du es in meiner Bibel gelesen, und dem ich's überdies in sein eignes Herz mit Lettern geschrieben, die nicht verlöschen sollten: Wittwen und Waisen sollst Du nicht bedrücken, und wenn Du sie bedrückst, und sie aufschreien werden zu mir, werde ich ihren Aufschrei hören! — und der Du doch Wittwen und Waisen bedrückt, sie bestohlen, sie beraubt hast — glaubst Du, Mensch — ich habe das nicht gesehen? Nicht Deinen Frevel, — nicht ihr Elend!? und meintest Du, ich würde ewig dazu schweigen!? uüd meinst Du, Mensch, weil Du keinen irdischen Zeugen für Dein Verbrechen hast; weil Dich ein irdisch Gericht ohne Zeugen nicht verurtheilen könnte, kanus Dein Gott, Dein Herr, Dein Schöpfer auch nicht? — aber ich, — ich bin Dein Ankläger. Dein Zeuge, Dein Richter! — ich überschaue Alles, was gewesen, was ist, was sein wird, — ich blicke in die verborgenste Falte Deines Herzens, — vor mir gibt es kein Geheimniß — und Dein väugnen würde Dir nichts helfen! und wenn ich will, kann ich Dir auch Zeugen entgegenstellen, — ich kann zum Feuer sagen.- gib die Schrift heraus, die Deine Flamme zerstört hat — ich kann dem Grabe befehlen: — gib die Todten heraus, die in Deinen Grüften liegen, auf daß sie zeugen gegen Dich . . . ." Alle Anwesenden Hallen längst vergessen, daß Rabbi Joel eigentlich nur eine alte Geschichte erzählte. Jeder fühlte es, daß die Worte, welche der feurige Redner damals in hellauflodernder Begeisterung dem verstockten Sünder zugefchleu» dert, auch heute dazu bestimmt waren, das Herz der Hörer zu erschüttern, die Sünder zu bekehre» zur Buße und Umkehr aufzufordern und seine Worte und die wunderbar ergreifende Art seines Vortrages, übten auch ihre volle Wirkung aus. — Niemand wagte zu athmen, es schien, daß man den Tritt einer Fliege auf der Wand hätte hören müssen; — plötzlich hatte der Magid^«) eine Pause gemacht, und ließ, wie er es zu thun pflegte, feine Äugen über den weiten Kreis seiner Zuhörer schweifen, — und jetzt — als aller Blicke auf sein Antlitz gerichtet waren, da schien es nun auf einmal wieder, als wenn sich der Redner nur an einen Manne wenden wolle, als wenn er das, was jetzt folgen sollte, nur dem Einen mitzutheilen habe; — denn er neigte sich leicht herab zu seiner Rechten und fuhr nach einer Pause fort: „Mehr hatte ich damals nicht zu sprechen vermocht, Wolf Demant, war eigenthümlich anzusehen gewesen, sein Gesicht war bleich — und, mir schiens so. auch plötzlich hager geworden, von seiner Stirne rollten schwere Schweißtropfen, die Augen waren starr auf mich gerichtet, als wollten sie aus ihren Höhlen kriechen, die Lippen waren veilchenblau geworden, die Nasenflügel bebten, sein Lippenbart zitterte, es war ein Gesicht . . . ." Rabbi Joel machte wieder eine Pause, dann sagte er zum allgemeinen Erstaunen — zu schildern vermag ich 136) Redner.

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