Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1878)
- Date
- 1878-09-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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978 ihm zittern, — er ist ja allmächtig, wenn der Allweise jeder llebertretung seiner heiligen Gebote, sofort die Strafe folgen lassen wollte, so hätte — dessen kann man vollkommen überzeugt sein — kein Mensch je ein Gottesgesetz übertreten, wenn z. B. die MacholoS isfurim^v) nur giftig wären, mi Pest jaase soß?^) und würde IrefoS182) essen?! — aber der allweise Gott hat das eben nicht so in der Welt eingerichtet, er läßt der That nicht gleich Lohn und Strafe folgen, wir sehen oft, daß der fromme Würdige darbt und der Bösewicht im Glanze und im Glücke lebt — und das erschwert allerdings die Gottesfurcht — und deßhalb muß sich der Mensch es stets vor Augen halten, daß Gottes Auge jeden Zeittheil seines Lebens auf ihn herabschaut, daß jede That seines Lebens, die gute wie die böse ausgezeichnet, daß er von jeder derselben einst vor dem höchsten, dem unbestechlichsten Richter, Rechenschaft wird oblegen müssen. Dieser Gedanke vi auch in dem letzten Segensspruche enthalten, die der große Lehrer Rabbi Jochonan den Sakkai sterbend seinen Schülern ertheilte: Möget Ihr Gott so fürchten wie Ihr Fleisch und Blut (die Menschen) fürchtet, und als die Jünger erstaunt srugen: ad kan — nur so viel?! da sprach er zu ihnen: Wärs nur so! denn wisset, wenn ein Mensch eine Sünde begehen will, so sieht er sich vorsichtig um, daß ihn nur kein Mensch sieht133) — darin liegt ja unausgesprochen die Aufforderung, stets zu bedenken, daß sich keine unserer Handlungen dem Blicke des Allschauenden entzieht. — Also Gottesfurcht ist nach der gegenwärtigen Weltordnung, wo Lohn und Strafe nicht unmittelbar der That folgen, kein so sehr leicht zu erlangender Besitz, und wir sehen dies leider immer m.'hr und mehr und die Frage der Gemoro, ist denn Gottesfurcht eine leichte Sache! — ist ein vollkommen berechtigte — aber die Antwort ist ebenso richtig, scharf und zutreffend; — als Mosche Rabbenu diese Worte an sein Volk richtete, da war es eine andere Zeit, damals war Gottesfurcht, Furcht vor Gott eine leichte Sache. Die erstaunte Menschheit hatte kurz vorher die Wunder in Mizrajim gesehen, das rothe Meer hatte sich den Kindern Israels gespalten, was drei Millionen Menschen täglich an Nahrung bedurfte, fiel ihnen vom Himmel herab — da mußte auch das blödeste Menschenauge täglich die Wunder des allmächtigen Gottes anstaunen, auch der Ungläubigste mußte gottver- 130) Verbotene Speisen. 133) Welcher Thor würde das thun!? 133) Verbotenes. 134) Berachoth 28. 2. trauend werden, — und in dem Wüstenzuge, da folgte auch der guten That sofort der Lohn, der bösen sofort die Strafe. Der Mann, der gottungläubig mehr Manna sammelte, als vorgeschrieben, fand es am nächsten Morgen wurmig, — Derjenige, der Erew Schabbos gläubig nur das gleiche Maß eingesammelt, dem verdoppelte es sich in seinem Hause, — auf befriedigte wilde Gier folgte der Tod durch Schlangeu, der Anbetung des goldenen Kalbes, sofort die^strengste Ahndung, die Korach- XOtte sank vor den Augen des erstaunten Volkes in die Erde, Arons Söhne, Nodow und Awihu, wurden, als sie fremdes Feuer auf den Altar brachten, von göttlichem verzehrt. . . . ja, legabe Mosche zu des Propheten Mosche Zeiten, da war Gottesfurcht leicht — und man kann der berechtigten Frage, die richtige Antwort geben: ea legabe Mosche milßo satroso hi — damals war Gottesfurcht ein leichtes!" Ein Murmeln der Befriedigung über die gelungene Erklärung dieser Talmudsteüe durchrauschte den weiten Raum. Rabbi Joel richtete sich nun zur vollen Höhe seiner Riesengestalt empor und fuhr mit erhobener Stimme fort: „Diese Auslegung scheint Euch zu gefallen, und mich freut das, aber da ich ohne, daß ich dies ursprüglich beabsichtigt hatte, diese alte Geschichte erzählt habe, so mögt Ihr auch das Weitere hören, denn die Tschuwa, die für Wolf Demant paßte, und so machtvoll auf ihn einwirkte, wird, — ich könnte fast darauf schwören, auch für Einen oder den Andern der Anwesenden passen. Während ich gesprochen, hatte ich mein Auge fest auf Wolf Demants Gesicht gerichtet, und es ist einmal so, ein Mensch, der ein böses Gewissen hat, glaubt, daß jedes Wort auf ihn bezogen wird, und in diesem Falle hatte Wolf Demant nicht einmal unrecht; ich glaubte schon jetzt ein leichtes Erblassen in seinem Gesicht, ein fast unmerkliches Beben seines Körpers zu bemerken, nnd es ist eine Regel mit jedem Kampfe, — mag dieser nun mit irdischen oder mit geistigen Waffen gekämpft werden — jeden erlangten Vortheil;ofort zu verfolgen, und ich fuhr zu den Anwesenden gewendet fort: Ich bin Euch dankbar, daß Ihr die Erklärung dieser Stelle von mir gefordert» denn ich habe Lust dieselbe in der Droscho, die ich jirze haschem135) am nächsten Schabbos hier abhalten werde, zu benützen, weil sich hieran ein schöner Muffor anknüpfen läßt — und dann that ich, nicht als wäre ich im Zimmer allein mit meinen Besuchern, sondern als stände ich vor dem Oronhakodefch im Gotteshause vor großer Volksversammlung und 135) So Gott will.