Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1878)
- Date
- 1878-09-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447784--15351-2471296- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
religiösen Richtung, welcher die treibenden Elemente des Gemeindebundes angehören. Der ganze Gemeindebund ist lediglich der Ausschuß, er entwirft, beschließt, verfügt und vollführt im Namen der Gemeinden, die Gemeinden selbst aber sind nicht in der Lage ihre Einzelmeinnngen zum Ausdruck resp. zur Realisirung zu bringen. Die Schwierigkeit, ein Bureau zu bilden, in welchem die einzelnen Gemeinden jederzeit voll und ganz an den Beschlüssen des Bundes participiren können, ist allerdings eine große, unüberwindliche; aber sie würde sich mildern, sie würde vielleicht kaum wahrnehmbar sein, wenn die Gemeinden volles religiöses Zutrauen, zu den Leitern ihrer Bundesangelegenheiten haben könnten. Aber sie haben es nicht und deshalb verzichten sie lieber auf die Mitwirkung des Bundes. selbst in solchen Fällen, bei denen das religiöse Moment nur von untergeordnetem Interesse ist. Dieses Bewußtsein scheint auch im Ausschuß des Gemeindebundes succesive zum Durchbruch zu kommen, und läßt sich wohl darauf der Antrag des Vorsitzenden zurückführen, im Ausschüsse auch die entschiedene conseroative Richtung vertreten zu lassen. Der Antrag wurde angenommen, und eine dem Vorsitzenden als entschiedene konservativ bekannte Persönlichkeit als Ausschußmitglied cooptirt. Wir haben nun nicht die Ehre, dieses neuernannte Ausschußmitglied und seine religiöse Richtung zu kennen, nehmen wir also an, daß jene Richtung in der That das überlieferte Judenthum ist, was ist damit gewonnen? Eine Schwalbe bringt keinen Sommer. Ein conservatives Ausschußmitglied wird den Gemeindebund nicht lebensfähig machen, eine konservative Stimme, wird trotz ihrer Entschiedenheit dem Bunde keine neue Gemeinden zuführen, denn die Gemeinde, oie sich durch Cooption eines einzigen gleichgesinnten Ausschußmitgliedes zum Beitritt verstehen würde, müßte mehr als indifferent, sie müßte stupid sein, wenn sie nicht wüßle, was in einem aus 14 Mitgliedern zum großen Theil aus enragirten Reformjuden bestehenden Bureau, eine einzige dissentirende jüdische Stimme zu bedeuten hat. Ein solches Ausschußmitglied wird, wenn es wirklich entschieden conservativ ist, in allen jüdischen Principienfragen überstimmt werben und nur für den Ausschuß dasjenige sein, was der jüdische Volkswitz treffend einen Koscher-Zettel nennt. Ein solches Ausschußmitglied wird sich, wenn der Leumund, den ihm der Herr Vorsitzende ausstellt, zutreffend ist. über die Verantwortlichkeit nicht täuschen, die es durch seine Mitgliedschaft auf sich ladet. Seine sämmtlichen Proteste, werden nicht hindern können, daß der Ausschuß des Gemeindebundes , etwaige das überlieferte Judenthum gefährdende Anordnungen unter conservativer Flagge einführt und dabei immer auf seine „entschiedene conseroative" Stimme verweist, die er — überstimmt hat. Wir glauben übrigens, daß, wenn sämmtliche Ausschußmitglieder auf Grund einer plötzlichen Metamorphose, nicht nur vom Vorsitzenden, sondern auch von sämmtlichen deutschen Gemeinden als entschieden conservativ erklärt werden könnten, daß selbst ein solcher Farbenwechsel das Verhängniß nicht vom Gemeindebunde abwenden könnte. So intensiv ist bas Odium, das die deutschen Gemeinden für das Reformjudenthum und seine Bannerträger nun einmal haben. — Da wir somit keine Ursache haben, zu befürchten, daß dieser neueste Schachzug irgend eine Gemeinde irreleiten dürfte» so registriren wir die Wahl eines konservativen Ausschußmitgliedes mit der ganzen Befriedigung, mit der man von einer dem überlieferten Judenthum gemachten Concession Notiz nimmt. An und für sich erblicken wir in dieser eonservativen Anwandlung ein unzweideutiges Symptom dafür, daß die leitenden Kreise gewichtige Bedenken über die Lebensfähigkeit des Gemeindebundes haben. Die Noth muß'schon groß sein, wenn man aus ihr eine Tugend macht indem man sich anschickl, Anhänger des überlieferten Judenthums wenigstens pro forma paritätisch zu behandeln. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichlen und Correfpondenzeu. Deutschland. Mainz, 18. Sept. Wir haben heute an das Central - Comite der „All. Jsr. Unio." wiederum 1000 Mark, im Ganzen jetzt 6000 Mark, zum Besten unserer nothleidenden Brüder in der Türkei übersandt. Aus dem Großherzogthum Hesse«, 15. Sept. Dem schon von mehreren Landtagen ausgesprochenen Wunsche auf endliche Revision der in Hessen geltenden veralteten Bestimmungen über die Zusammensetzung der Vorstände der israel. Gemeinden scheint nun Rechnung getragen werden zu sollen. Wenigstens sind die Vorarbeiten für eine zweckmäßigere, den Anschauungen der Neuzeit mehr entsprechende Regelung der fraglichen Angelegenheit bei dem Ministerium des Innern im Gange. Unterstützend wirkt auf die Beschleunigung, daß in den 1866 neu erworbenen Bezirken womöglich noch veraltetere Normen bestehen.