Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1878)
- Date
- 1878-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447784--15350-2471295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XIX. Jahrgang. 4 r fi Erste öeilage zu tlr. 38 des Israelit Leitendes Artikel. Mittheilungen vom Deutsch-Israel. Hemeindebunde. Unter diesem Titel hat der Ausschuß des Leipziger Gemeindebundes einen Bericht veröffentlicht , der auf'S Neue die Lebensunfähigkeit deS Bundes darthut, deren Ursachen wir in diesen geschätzten Blättern seiner Zeit zusammenzustellen versuchten. Die Schäden und Mängel, die wir in den diesbezüglichen Aufsätzen nur in der Theorie entwickeln konnten, werden hier zum großen Theil officiell als practisch vorhanden bestätigt, und diese, wenn auch wohl nicht beabsichtigte Offenheit, verdient jedenfalls Anerkennung. Gleich Eingangs wird anerkannt, daß der Bund im vorigen Jahre sich in einer Krisis befand, daß sodann eine Reorganisation vorgenommen wurde, und daß der vorliegende Bericht, die Thätigkeit des Bundes während dieser Reorganisations-Periode veranschauliche» soll. Es ist uns also hier Gelegenheit geboten, den Gemeindebund und seine Reorganisation an ihren Früchten kennen zu lernen. Das größte Uebel, woran ein Gemeindebund kranken kann, ist wohl dasjenige, daß er keine Gemeinden hat. Wir haben bereits früher auf den Mangel an Sympathien hingewiesen, welchem der Leipziger Gemeindebund fast überall bei den deutschen Gemeinden begegnet; die neue Reorganisation scheint diese Antipathie oder doch Apathie nicht haben bewältigen zu können. Der Bericht beklagt nach wie vor die dauernde Zurückhaltung einer größeren Anzahl von Gemeinden. Ja selbst die beigetretenen Gemeinden zeigen so wenig Interesse für den Gemeindebund. sind so säumig in der Entrichtung der Beiträge, daß noch viele frühere BundeSgemeinde - mit den Jahresbeiträgen im Rückstände sind, (S. 19. des Berichts) und man über die Mittel und Wege debattiren mußte, um die Gemeinden an die Leistung ihrer Beiträge zu erinnern. (S. 2V). Eine Gemeinde erklärte förmlich ihren Austritt, worauf man, um sie nur zu erhalten, ihr den Beitrag für das nächste Jahr erließ. (S. 5.) Das sind alles keine Omina dafür, daß die neue Reorganisation die alte Krisis überwunden hat. Was die positiven Leistungen des Gemeindebundes seit seiner Reorganisirung betrifft, so erkennt der unS vorliegende Bericht selbst die Thätigkeit als eine bescheidene an, wenn man sie mit den großen Zielen vergleiche, die sich der Bund gesteckt hat (S. l). Diese Bescheidenheit tritt aber selbst für Denjenigen zu Tage, der die Bundes» ziele gar nicht kennt, und die uns hier berichtete Thätigkeit an und für sich betrachtet. Wenn der Ausschuß dennoch nicht ohne Befriedigung auf daS im verflossenen Semester Geleistete zurückblickt, so bezeugt dies mehr seine Genügsamkeit, als die ersprießliche Thätigkeit des von ihm geleiteten Gemeindebundes. Unter allen Leistungen, die der Bericht aufzählt, haben wir nur eine einzige positive zu finden vermocht: die Errichtung eines kostenfreien Stellen. Nachweisungsbureau's für Israel. Lehrer und CultuSbeamte. Diese einzige neue Schöpfung des Gemeindebundes. hat ftcti nach dem Bericht als lebensunfähig erwiesen. S 23 wird darüber geklagt, daß ein Erfolg mit demselben nicht erzielt worden sei „Der JndifferentismuS der Gemeinden. heißt eS daselbst wörtlich, auch Institutionen gegenüber, die einzig und allein u ihrem eigeaeu Bortheile geschaffen werden, sei betrübend und dürfte wohl zur Folge haben, daß die Thätigkeit des Bureau's wird eingestellt werden müssen*). Der JndifferentismuS hat einen breiten Rücken, dem man Vieler ausiaden kann» daß aber jüdische Gemeinden so indifferent sein sollen, auf ihnen gebotene pecuniäre Vortheile zu verzichten, das ist neu, und müßte erst statistisch nachgewiesen werden, ehe es für baare Münze angenommen werde« kann. Wir glauben, daß es nicht JndifferentismuS der Trojaner war, wenn sie von den Danaern keine Geschenke wollten, und glauben, daß ebenso der stillschweigende Verzicht der jüdischen Gemeinden auf die Beuefieien des GemeiudebundeS andere näher liegende Motive hat. Die jüdischen Gemeinden haben kein Vertrauen zu der *) Der „Zeitung des Judenthums" und der „Wochenschrift*, welche seiner Zeit sich gegen das Bureau auSsprachen, wird treffend bemerkt, daß man von einer Widerlegung unter Anderem deßhalbabgesehen habe, weil es sich hier um einen Widerstand handele, welcher in der Bedrohung eineS bestehenden Interesses, wurzele. — Es ist erfreulich, daß man einen solchen Vorwurf gegen keine jüdische Zeitung erheben kann.