Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-09-18 · Heft 38 (18.9.1878) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 38 (18.9.1878)
Date
1878-09-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447783--15324-2471268
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tüchtigen Menschen heranbildete. — Der Schmerz über daS harte unverdiente Schicksal ihres Gatten und sein Verlust, hatten den Gedanken an das verlorene Vermögen in den Hintergrund gedrängt, und wenn sie auch später seufzend daran denken mußte, daß sie mit dem verlorenen Gelde ihren «Kindern eine bescheidene Zukunft, sich für ihr Alter eine sorgenlose Existenz hätte gründen können, so zweifelte sie doch nicht daran, daß ihr dasselbe an jenem Unglückstage gestohlen wurde, oder daß *ihr Gatte dasselbe auf seiner raschen Flucht verloren hatte, ein Versuch nach demselben zu forschen, schien ihr ein vergeblicher. Es waren jetzt schon sieben Jahre, seit dem Tode ihres Gatten, verflossen, als sie nun plötzlich, unerwartet von diesem eine Nachricht über das vermißte Geld erhielt. Mischko Farkosch war ein Zellengenosse des unglücklichen Duschnitz gewesen; — als dieser den Ausbruch einer schweren Krankheit fühlte, hatte er dem Zellengenossen einen mit hebräischer Schriftzeichen geschriebenen Zettel mit dem Aufträge gegeben, — wenn er die Freiheit erleben sollte, diese Zeilen seiner Frau zu überbringen Da Duschnitz dem Farkosch versprochen, daß 'ihm seine Frau hundert Gulden geben würde, so hatte der entlassene Sträfling den weiten Weg nicht gescheut, die Frau aufzusuchen. Der Zettel, zerknittert, durchschwitzt, abgerieben, — Farkosch hallte ihn die ganze Zeit am bloßen Leibe getragen. — enthielt Ueberraschendes. Moses Duschnitz schrieb seiner Frau, daß er das Ende seines Lebens herannahen fühle, nahm in den zärtlichsten, herzergreifendsten Ausdrücken Abschied von ihr, dankte ihr für ihre Liebe und Treue, und dafür, daß sie ihm die leider kurze Zeit ihres Zusammenlebens verschönt und verherrlicht hatte und segnete seine Kinder. Die Mittel zu deren Erziehung, schrieb er ihr, würde sie wohl von Wolf Demant in der nächsten Stadt, zu dem er sofort von seinem Heimathsorte gereift, und dem er sein ganzes Baarvermögen übergeben — empfangen, und daher wenigstens keine Noth gelitten haben. Da ihm in seinem Urtheilsspruche verkündet worden war, daß die Erben, die Frau und die Kinder des Getöoteten bezüglich ihrer Ersatzansprüche auf den Civilrechtsweg verwiesen wurden, hatte er es nicht gewagt, bei Gericht anzugeben, daß er noch Vermögen besitze; sei aber vollkommen beruhigt darüber, daß der redliche und wohlhabende Wolf Demant seinem armen Weibe das anvertraule Depositum übergeben haben werde. — Zuerst war das unglückliche Weib von den rührenden Abschiedsworten des todten Gatten so erschüttert worden, daß sie den weitern Inhalt gar nicht aufzufassen vermochte, aber sie überlas diese letzten Grüße des geliebten Mannes, die ihr geweiht und heilig erschienen, wohl hundert Mal des Tages; und als sie nach und nach wieder ihre Fassung gewann, begann sie endlich auch die für sie und ihre Kinder so wichtigen Mitthei- .lung zu würdigen. Sie konnte keinen Augenblick an der Wahrheit dieser Worte zweifeln — und — daß Wolf Demant sieben Jahre lang ein Schurke gewesen; — aber das arme schwergeprüfte Weib hatte gehofft, es werde nur eineL Wortes von ihr bedürfen, bei ihrem bloßen Anblick würde das schlummernde Gewissen des frechen Räubers geweckt werden, und — sie ging zu Wolf Demant. Ihr Weg war ein vergeblicher, ein fruchtloser gewesen, der Bösewicht, obwohl bei ihrem Eintritt erbleichend — hatte zuerst mit giftigem Hohne gefordert, sie möge ihm seinen Empfangschein zeigen, und als das arme Weib, die letzten Worte ihres Gatten, sein heiliges Vermächtniß, das Einzige, was sie von ihm besaß, und das sie stets an ihrem Herzen trug, vorwies — warf der Unhold das Papier in die Flammen und leugnete mit frecher Stirne ihren Gatten vor seiner Flucht gesehen, von ihm Geld empfangen zu haben. Sara Duschnitz erzählte mir die Geschichte so klar, so einfach — und, ich kenne Menschen, Gott hat mir in seiner Gnade die Gabe des richtigen Blickes verliehen. — daß ich von der Wahrheit des Gehörten vollständig überzeugt war. „Was soll ich, der Fremd?, Euch hierbei thun? fcug ich, nachdem sie ihren Bericht beendet, und sie hatte geantwortet: „Wolf Demant ist ein böser verderbter Mensch, und ich bin arm — ich bin ihm gegenüber hilflos, vor Gericht könnte ich nicht gegen ihn aufkommen, ich habe keinen Beweis gegen ihn, die einzige Waffe, die ich gegen ihn besaß, hat er vernichtet; — aber Gott boruch hu, hat Euch, Rabbi, als einen rettenden Engel für mich und meine Kinder hergesandt, ich habe Euch, Rebbe, Schabbos in der Synagoge sprechen hören, Gott hat Euch reich gesegnet, und Eurem Munde die Macht über die Menschenherzen verliehen, ich sah, wie tausend Augen an Euren Lippen hingen, wie die belebende Gluth Euerer Worte die verborgene Thräne aus der Seele Grund schöpfte und in das Auge lockte, — Euch, Rabbi, Eurem Feuerworte kann kein Mensch von Fleisch und Blut widerstehen, — seid meinen armen Waisen Vater und Schützer! — sprechet Ihr mit dem frechen Räuber, Euch, — Euch Gottbegnadeten wird er nicht zu widerstehen vermögen!" Rabbi Joel hielt wieder einen Moment inne, es war nicht Erschöpfung, die kannte der Mann, mit der breiten mächtigen Brust, der ebenso sanfte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.