Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1878)
- Date
- 1878-09-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XIX. Zahrgang. Erstr Seilage zu Nr. 38 -es Äsraetit. Leitendes Artikel. Literarischer Bericht. VioArapbis d'Ubert Cohn par Isidore Loeb (avec portrait). Paris. Durlacber Editeur. 1878. In einer Zeit, die so rasch lebt wie die uit* serige, die so empfänglich für alles Neue, und so vergeßlich für alles Geschehene ist, in einer solchen Zeit ist es ein ganz besonderes Verdienst, das Andenken großer genialer Geister vor dem Fluch des Vergessens zu retten, und so ihr Andenken zum Segen werden zu lassen^ — Als eine solche Rettung darf eine LebensbehMeibung je£ vor zwei Jahren verstorbenen AlbWt Cohn angesehen werden, welche soeben die Wesse verlassen hat. Wenn auch heute das Andenken dieses edlen Geistes My ungetrübt in den Herzen seiner Glaubensgenossen fortlebt, so ist durch ein derartiges Buch doch erst die Möglichkeit geboten, den großen Todten in seiner ganzen staunenswertheu Vielseitigkeit bewundern zu können. Zwar existiren auch sonst gesammelte biographische NotLe« Albert Cohn's, aber dieselben bieten, da sie größ«nthei!s noch bei Lebzeiten ihres Helden erschienen,^ nur mehr oder weniger Lückenhaftes. Herr Loeb, dessen publicistifche Gewandtheit den Lesern dieses Blattes durch die Besprechung seiner früheren literarischen Productionen bereits rühmlich bekannt ist, scheint an diese Arbeit mit der ganzen Liebe und Sorgfalt, die sie verdient und erfordert, gegangen zu sein, und hat so ein treffliches formvollendetes Ganze geliefert, von dem wir nur wünschen, daß es auch in die deutsche Sprache übertragen werden möge. Wir lassen zur Rechtfertigung dieses Verlangens aus der Fülle des Interessanten, welches die Schrift bietet, einen Passus hier folgen, Es gibt wohl Wenige, welche während ihres ^Lebens so thätig und nützlich Hür ihre Mitmenschen waren, als Albert Cohn. Er besuchte viermal die Israeliten des Orients und dreimal diejenigen Afrikas. Diese Reisen allein würden bei einem gewöhnlichen Menschen das ganze Leben in Anspruch genommen haben; bei Albert Cohn waren es jedoch gleichsam Episoden und Zerstreuungen in seiner unablässigen Arbeit. Er gönnte sich weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe. Des Morgens j häuften sich aus allen Welttheilen eingelaufene Briefe auf seinem Tische an. Da waren Wünsche und Gesuche jeder Art; ein ganzes Orchester von Bitten und Klagen richtete sich an ihn von allen Gegenden der Erde, von Paris und der Provinz, von Deutschland, von Italien, von Polen, Palästina, von Afrika; es glich einer wahrhaft babylonischen Verwirrung, in welche sich alle Sprachen und alle Töne mischten und wodurch ein weniger fester Geist in Verwirrung gesetzt worden wäre. Er antwortete womöglich sofort auf diese Briefe, schickte entweder die verlangte Hilfe oder^versprach bei einem wichtigen Falle bei der Familie von Rothschild zu interveniren. Er kannte zum großen Theil durch eine lange Praxis diese ganze arme Clientschaft und überflog in einem Augenblick alle Stücke eines ganzen Äctenstoßes von Gesuchen. Er wieß niemals ein Verlangen zurück, wenn er nicht absolut genöthigt war. Er berücksichtigte die Bettler von Profession sowie andere Unglückliche, besonders Gelehrte und junge Leute, die sich der Wissenschaft gewidmet hatten. Er brachte dann die Rechnungen der Gesellschaften und Verwaltungen in Ordnung, deren Schatzmeister er war; er erledigte seine Correspondenz für das Hospital in Jerusalem, welches er nie einen Augenblick zu leiten aufgehört hatte, gab seine Befehle für die Ge, schäfte des Wohlthätigkeitscomitv'S oder anderer humanitäre Institutionen von Paris, und empfing zahlreiche Besuche. Man verlangte von ihm Dienste jeder Art und er hörte mit Geduld die außergewöhnlichsten Gesuche an. Der Rest seines Tages war den andern Pflichten gewidmet und denjenigen, welche er sich stets neu hinzuschuf. Er besuchte die Schulen, das Hospital, nahm als guter und frommer Israelit an den Hochzeiten und Begräbnissen Theil, zu denen er eingeladen war, betheiligte sich bei jedem öffentlichen Act des Cultns und machte tausend Wege zu Gunsten der von ihm Protegirten. Er hatte das Recht, am Abend auszuruhen, aber er wollte es nicht. Die Sitzungen der Verwaltungsbehörden verlangten ihn und für nichts in der Welt hätte er da gefehlt. Die Pünktlichkeit war ihm zur Tugend geworden. Er versäumte keine Versammlung, keinen Besuch in den Unterrichts- oder Wohlthätigkeirsanstalten und keinen Gottesdienst in der Synagoge und traf zur genauen Stunde daselbst mit einer Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit ein, die wunderbar bei einem Manne erscheint, der mit so verschiedenen Sorgen