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Der Israelit · 1878-09-18 · Heft 38 (18.9.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 38 (18.9.1878)
Date
1878-09-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Lern und Kindern zu unsteten Bettlern gemacht, hat uns erniedrigt und mit Abzeichen der Schande versehen. Niemals aber noch hat man uns unsrer heiligen Schriften berauben wollen, die unser einziger Trost sind in allem unserm Elend." «„Äch glaube Euch , Joselin. Ich bin kein Freund der Juden, einige wenige ausgenommen; aber ich bin ein Freund Eures Schriftthums; ein Bewunderer der erhabenen kabbalistischen Wissenschaft und vor Allem ein Verehrer der göttlichen Sprache, die man die hebräische nennt. Die Sprache der Hebräer ist einfach, unverdorben, heilig, kurz und fest. In ihr hat Gott mit Mose gesprochen, von Angesicht zu Angesicht; in ihr hat Gott sich den Propheten offenbart unmittelbar und ohne Dolmetsch; in ihr haben die Engel mit den Menschen verkehrt. In ihr hat Gott, der Allmächtige, zu Mose gesprochen, nicht durch das Rauschen der kastalischen Quelle oder durch die typhonische Höhle oder durch den dodonischen Wald oder den delphischen Dreifuß, sondern wie ein Freund mit dem andern zu sprechen pflegt.*)"" „Gelobt sei Gott, der mich solche erhabene Morre von Euch hören läßt. Gott segne Euch, wohlweiser Herr; Ihr gehört zu den Frommen der Nationen, von denen der Talmud sagt, daß sie Antheil haben an der zukünftigen Welt." „„Ich kenne den Talmud nicht, habe ihn nie gesehen; ich habe nur die heilige Schrift und ihre Commentatoren in der Ursprache gelesen; auch einige kabbalistische Werke; aber das Wenige, was ich weiv, hat mir die Ueberzeugung verschafft, daß wir von den Juden viel lernen könnten, daß nur durch die hebräischen Commentare der Juden wir den Sinn des heiligen Schriftworts zu erfassen vermögen. Mein Lehrer, Obadjah Seforno, der setzt als Arzt in Bologna weilt, hat selbst einen Commentar zum Pentateuch geschrieben; ihm verdanke ich das Verstandniß gar mancher dunklen Stelle. — Seid auch Ihr in dem hebräischen Schriftthum versirt „Ein wenig, gnädiger Herr Rath." Reuchlin ging zu seiner Liberei**) und holte eine prachtvolle hebräische Bibel hervor. „„Seht, Joselin,"" sagte er, „„dieses kostbare Buch hat mir Weiland Kaiser Friedrlch HL auf *) Reuchlins eigene Worte in seinem Werke de verbo mirifieo (von dem wunderbaren Worte). Vergleiche: Grätz, Geschichte der Juden, 9. Bd., S. 92. *•) Bibliothek. Anlaß meines Freundes, des kaiserlichen Hofmedicus Jakob Loans, geschenkt. Da schlage ich gerade eine mir unverständliche Stelle auf. Könnt Ihr mir sie erklären?"" Reuchlin zeigte mit dem Finger auf den 7. Vers des 23. Capitels des 2. Buches Mosis. Rabbi Joselmann las den Vers laut und übersetzte ihn in'S Deutsche. „Vom Worte der Lüge sollst Du Dich entfernen, und den Unschuldigen und Gerechten sollst Du nicht umbringen, denn ich werde nicht gerecht lassen den Bösewicht." „„Wie erklärt Ihr den Vers,"" fragte Reuchlin, „„und welcher ist der Zusammenhang zwischen den drei Gliedern desselben?"" „Wohlweiser Herr Rath, man kann diesen Vers nur erklären, wenn man das talmudische Recht kennt. Die Talmudisten lehren, daß wenn ein Gerichtshof einen Verbrecher einstimmig verurteilt, daß der Verurtheilte frei ausgeht; denn es gibt keinen Verbrecher, der nicht auch Vertheidiger finden könnte, und eine einstimmige Verurtheilung setzt eine Animosität der Richter gegen den Angeklagten voraus. Nun könnte aber doch ein Fall eintreren, daß solch eine Animosität nicht vorhanden und sämmtliche 23 Richter des kleinen SynhedriumS nichtsdestoweniger von der Schuld des Angeklagten überzeugt seien; was wird da die Folge sein? Sprechen die Richter alle das Schuldig aus, so wird der Angeklagte frei. Da könnte man meinen, es sollten zwei Richter gegen ihre Ueberzeugung, der Eine sein Votum abgeben: „unschuldig," der Andere: „gerecht," damit der Verbrecher der verdienten Strafe nicht entgehe? Da spricht aber Gott: „Vom Worte der Lüge sollst Du fern bleiben und mit dem Votum „unschuldig und gerecht" sollst Du nicht umbringen; daß aber der Verbrecher der verdienten Strafe nicht entgehe, dafür werde Ich sorgen, „denn ich werde nicht gerecht lassen den Bösewicht." „„Ich danke Euch, Joselin; Eure Erklärung ist klar und zutreffend. Ich habe auf's Neue die Ueberzeugung gewonnen, daß das rabbinische Wissen Licht verbreitet über das heilige Schriftwort. Ihr könnt ruhig Eures Weges ziehen; ich werde dafür Sorge tragen, daß Eure Bücher unversehrt bleiben."" (Fortsetzung folgt.) ' Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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