Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1878)
- Date
- 1878-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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940 Hast Du, lieber Leser, Dir wohl schon einmal die Frage aufgeworfen: WaS ist die Zeit? Die Antwort scheint leicht: eine Stunde, ein Tag. ein Jahrhundert — das Alles ist Zeit. Aber die Antwort ist nicht richtig; das alles find Zeitmaaße; aber der Begriff der Zeit ist damit nicht gegeben. „Der Begriff der Zeit," sogt Maimonides im Moreh Nebochim, „ist deshalb so schwer zu erfassen, weil die Zeit nichts an sich Seiendes ist. Dinge, die an sich etwas sind, z. B. ein Baum, ein Blatt, ein Berg, ein Vogel kann man leicht begreiflich machen; auch Dasjenige, was nicht an sich, sondern nur an den Dingen existirt, wie Schönheit, Größe, Farbe, Gestalt sind noch leicht zu definiren; die Zeit existirt aber weder an sich, noch ist sie eine Eigenschaft der Dinge; sie ist vielmehr die Eigenschaft einer Eigenschaft." Erklären wir das deutlicher: Erde, Sonne, Fixsterne, Planeten sind Dinge; diese befinden sich in immerwährender Bewegung; die Bewe^ gung ist also hier eine Eigenschaft dieser Dinge; die Zeit nun ist nichts als das Maaß der Bewegung. Das Maaß' der Bewegung der Erde um ihre eigene Axe ist ein Tag; das Maaß der Bewegung des Mondes um die Erde ist ein Monat; das Maaß der Bewegung der Erde um die Sonne ist ein Jahr. Diese Zeiträume theilen wir in viele kleinere; der 24. Theil der Umdrehung der Erde ist eine Stunde, der 60. Theil des 24. Theils dieser Umdrehung eine Minute und so fort. Ist nun die Zeit als solche schon etwas Ideelles, etwas nur durcb unsere Anschauung oder Berechnung der Bewegung der großen Himmelskörper Gegevenes — der große Philosoph Kant nennt die Zeit eine Anfchauungsform, — so ist die Zeit, in der wir leben, die Gegenwart, etwas ganz Unfaßbares. Der Augenblick, gehört, noch nicht da, der Zukunft, kaum da, der Vergangenheit an. Und doch ist dieser unfaßbare Moment das Eigentliche und Wirkliche unsres Lebens; denn nickt die Zeitlänge oder Zeitdauer, sondern die Zeiterfüllung durch Thaten ist das Wesentliche des Lebens. Unsere Weisen lehnen an das in Rede stehende Schriftwort anpn ba pruv avn den nachfolgenden Ausspruch an: -ipn rrnnn pnn idmp hnt nN-ipjp mmn non Rj ’jumi idnjp nntpynn non p' ou ns1? dpd dp cnV -on -ipk nw ins stoi ovsapn non nun ronn nt« -id^op nninpn pdd , om« -pm orpa« flDTD Anlehnend an das Wort rw zählen die Weisen vier Dinge auf, um deretwillen es dem Hohenpriester vergönnt war, das Allerheiligste zu betreten: die Thora, die Zehnten, die Stämme Israels und die Opfer. — Uns aber werden diese vier Dinge den Maaßstab geben, wie und in welcher Weise wir die Zeit ausfüllen sollen. (Fortsetzung folgt.) Drei Wege. Von vr. H. Sänger. „Reform des Judenthums" war Anfangs dieses Jahrhunderts die Parole aller Derer, die in dem alten Judenthum mit seinen „ewigen" Gesetzen und Ueberlieferungen die Hauptschranke erblickten, welche Juden von der Gleichstellung, oder, da zu jener Zeit davon noch keine Rede war, von einer etwas menschenwürdigeren Stellung in der menschlichen Gesellschaft trennten. Mensch, freier Mensch, wollte man sein, da man nun doch einmal als Mensch geboren und nicht als Sclave. Allein, das war leichter gedacht und gesagt, als geschehen. Die christliche Liebe verlangte weiter nichts dafür, als — den Abfall vom Judenthum. Auch dazu verstand sich damals ein Theil Derer, welche um jeden Preis Menschen sein wollten. Berlinds intelligente Juden schworen massenhaft ihren Glauben ab, verleugneten ihren Gott, ihre jüdische Abstammung und ihre tausendjährige ruhmvolle Vergangenheit und haben sich in der jüdischen Geschichte für alle Zeiten mit unauslöschlichem Makel gebrandmarkt. Zurückgeschreckt von diesem Abfall vom Judenthume wurde nun das Verbleiben im Judenthume als unerläßliche Bedingung hingestellt, aber innerhalb desselben die weilmöglich'ste Annäherung an die christliche Welt zum Zwecke der Verbesserung des traurigen Looses der Juden zugestanden. Unter den Worten „Reform des Judenthums" ging das Bestreben der bildungsdürstenden Juden dahin, sich so weit als möglich in Sitten und Leben der nichtjüdischen Welt zu assimiliren. Wiederum schritt Berlin an der Spitze dieser Bestrebung voran und gründete die Reformgemeinde, welche officiell den Sabbat abschaffte und den Sonntag als höchsten Feiertag einsetzte. Weiter konnte man als Jude sicherlich nicht mehr gehen. Wie nahe man dem Ehristenthume war, das zeigte glücklicherweise diese Reform des Judenthums deutlich genug, welche von Anbeginn an sich selbst den Todesstoß versetzte. Der größere Theil der Reformjuden von damals hatte doch so viel Einsicht, zu erkennen, daß man mit dieser Concession auf die schiefe Ebene sich begeben, welche die ersten Reformjuden dem Christenthum in die Arme führte. Und so blieb die „Reformgemeinde" Berlins als warnendes Beispiel bis auf unsere