Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1878)
- Date
- 1878-08-28
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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:;«T»,rf^-4Ä^»-'v- - - Erste Beilage ju Ur. 35 des Israelit. Leitende Artikel. Wyron's Derhältniß zum Zudenthume. Von Ludwig A. Nosenthal in Brylon. (Schluß.) Wie wird uns denn nach Betrachtung dieser Gedichte? Ist Byron nicht Byron mehr?^ Wo ist sein Trotz gegen den Allmächtigen seine Ttarkgeistigkeit, die Alles verspottet und beuörgelt? Hört'hier sein, des Christen, Weltschmerz auf, wo er Israels Verhältniß zu Gott und dessen Folaen in der einstigen Größe uno jetzigen Unerfchütterlichkeit betrachtet? Dies ist ein scheinbares Räthsel in Byron, das sich aber, besonders in Berücksichtigung seiner Zeit und seines innern Wesens wird lösen lassen. Byron fand sich. wie allgemein bekannt, unbehaglich in der ihn umgebenden Welt. Die Anschauungen , in denen die ihm verwandten Kreise sich bewegten und die auch sein Leben beherrschen sollten, drückten seinen aufstrebenden Geist nieder, feine unleidlichen Lebensverhältnisse hatten ihm eine Verbitterung eingeflößt, die seinen Blick trübte, und ihm alles Bestehende im finstersten Lichte erscheinen ließ. Wie ein Thal der Finsterniß und Freudlosigkeit umgab ihn die Welt, nichts Großes, nichts Erhabenes bemerkte er darin und schmerzlich fühlte er die Erbärmlichkeit seines Zeitalters. Statt aber hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, statt seinen Zeitgenossen mit dem Strahle der Dichtung in eine bessere Zeit zu weisen, die durch die Weisheit und Kraft des Strebenden herbeigeführt werden könnte, wühlte er mit Vorliebe in den Wunden seines Herzens und seines Zeitalters, suchte Allen die Unerträglichkeit des Jahrhunderts noch mehr zum Bewußtsein zu bringen. Was konnte aber dadurch Anderes erzeugt werden, als ein zweifelndes, schwaches Geschlecht, das sich im Heulen wohlfühlte, ohne die Kraft zum Handeln zu finden? Was anderes erwuchs daraus, als die Richtung der Muffet, Sand und Heine, derWeltschmerzler, die mit Vorwürfen gegen den Weltgeist hervortraten und die ewige Weisheit zu meistern sich vermaßen? Wie aber alle Spötter, Starkgeister und Weltschmerzsänger hatte auch er trotz seiner Verachtung für alles Bestehende höhere Bedürfnisse, seine deele strebte empor, wie die eines jeden Dichters; er spottete daher mit einem Herzen, das sich nach Gegenständen der Begeisterung sehnte, aber solche in seinem Zeitalter nicht fand. Wohl zeigte ihm das Alterthum manches Große, aber das war nur Schein, es war vergangen, gewichen vor dem Sturms der Zeiten, der einstigen Kraft war Schwäche gefolgt, der einstigen Größe Vernichtung. Vernichtung, nur Vernichtung, ewiges Wiederkäuen desselben sah er überall oder glaubte er zu sehen. Da wurde sein Blick durch Israel gefesselt, daran vergebens die zerstörende Kraft der Zeit sich versucht, das älter war, als jenes hochgepriesene Alterthum und Alles überdauert hatte; darum betrachtete er dieses Volk mit bewundertem Blicke, das Einzige, was ihm in der Gegenwart groß schien. Er setzte den jetzigen HelWmmuth der Entsagung dem einstigen Kriegsruhme entgegen und vertheidigte Juda vor der Anklage des Kleinmuths und der Selbstsucht. Da erkannte er, daß es doch ein Streben nach dem Höheren und., die Berechtigung eines solchen geben müsse, ^daß der hohe Opfermuth den unscheinbarsten Menschen in den elendesten Verhältnissen in einen Helfen verwandelt. Im Judenthum allein sah Byron ein Zeugniß für etwas Unvertilgbares, das durch gottinnige Begeisterung und erhabenes Streben bestand. Und was war die Ursache dieses Heldenmuthes? Das Festhalten am Allmächtigen im Zusammenstöße mit den Hindernissen und Verfolgungen der Welt, die Byron sonst stets beklagt und der Vorsehung vorgeworfen hat. An Israel hielt sich nun sein besseres Gefühl, das besang er in seinen herrlichsten Tönen und in der Betrachtung seiner Geschichte und seines Schmerzenspfades erhob er sich zum Verständnisse des Gedankens, den er nach den großartigen Worten des Buches Hiob am Schluffe seiner hebräischen Lieder wiedergibt. Es scheint ein Augenblick der Selbflerkenntniß über Byron zu kommen, wenn er, der stets den Allmächtigen meistern und ihm Weltpläne vorzeichnen wollte, sich selbst strafend ausruft: Ist mehr der Mensch, als Gott? Ist er wohl reiner. Als Gott, der selbst in Engeln Fehler sieht? Ihr Erdgebornen, nur im Staube wohnt ihr, Euer harrt der Wurm; ihr wollt gerechter sein, Ihr Taggeschöpfe, die vor Nacht ihr welket, Die ihr zu blind, Erhabenes zu durchschauen? /