Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-08-28 · Heft 35 (28.8.1878) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 35 (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447782--15307-2471250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

im Hause Gottes benehmet, — Chai haschem ZewooS^bj» Wenn Ihr das Haus des allerkleinsten Magistratsbeamten betretet, der Euch für einen Silbergulden thut, was Ihr wollt — und Ihr ihn um etwas bittet, seid Ihr bescheidener, als wenn Ihr vor dem allmächtigen Gott hintretet — dessen allgewaltiger Wille in einer Secunde Welten vernichten kann! Mir kommt es ichier vor, als vergesset Ihr, wenn Ihr ins Gotteshaus kommt — daß es einen Gott gibt .... Gottes Herrlichkeit füllt wohl den ganzen Erdball; aber Eure Väter haben die Gotteshäuser gebaut, um darin ihren Schöpfer zu verehren! — ich kenne das praktische Alltagsleben und die begreifliche Schwäche der Menschen; — nicht draußen im bunten Gewühlc, am Markte des Lebens, und nicht zu jeder Zeit kann der Mensch feine Gedanken in voller Sammlung zu seinem Gotte erheben, — aber hier im Gotteshause, die kurze Spanne Zeit — könntet Ihr es wohl bedenken, daß Ihr vor Gott, Eurem Schöpfer, Eurem Herrn, Eurem Richter steht . . . . Die Awodo, der Gottesdienst, wie Ihr ihn haltet, ist kein echte, rechte — und legt die Hand ans Herz und überlegt meine Worte und ich bin fest und innig überzeugt in diesem weiten Hause — wird es nicht einen Menschen geben, der nicht, stille vor sich selbst hin, wird eingestehen müssen — der fremde Mann dort vor dem Oron hakodesch hat recht — diese Awode ist keine echte, rechte, gottgefällige! Ich will nun zu der dritten Stütze der moralischen Welt, zu Gemilus Chassodim übergehen. Ihr gebt Zedoko — das ist wahr, aber hierbei muß gefragt werden, übt Ihr diese Mitzwe auch nach Vorschrift aus? Es ist da eine merkwürdig schwere Talmudstelle104), die fast unerklärlich scheint. Sie lautet: Wer da spricht dieser Sela — eine Münze — sei der Wohlthatigkeit gewidmet, damit mein Sohn leben bleibe, oder ich des jenseitigen Lebens theilhastig werde, ist ein vollständig frommer! — ein sehr sonderbar klingender Satz. Schob Tosefos fragt zur Stelle: Es wird ja im Tractat Owos ausgesprochen: Seid nicht wie Sclaven, die nur um des Lohnes willen dienen! — allein darin liegt nicht die Hauptschwierigkeit der Stelle, da siele noch manches Andere auf. Vorerst das Wort: „Wer da sagt! das ist gerade etwas, das unterbleiben sollte, Zdoko soll nicht öffentlich, großsprecherisch, prahlerisch, den Geber scheinbar ehrend, den Empfänger verletzend, gegeben werden. Ihr kennt ja Alle das schöne Wort des weisen Königs: Maton beszesser jechpe 10J) co wähl' (±{oit Zcbaolh lobt. l'Uj llto sch ha schmiß ,yo(. -i u. u. 0. 868 of105). Geheim ertheilte Gabe versöhnt den göttlichen Zorn, und der Mann, der fein kleines Almosen ausposaunt, es ausspricht, noch bevor er es gegeben — der, der sollte ein gar so würdiger Mann sein! — und wahrhaftig recht billig will er sich mit hakodosch boruch hu abfinden — für einen einzigen Sela — soll ihm der liebe Herr Gott sein krankes Kind gesund machen, leben lassen. — Für einen einzigen Sela, soll er ihm die Wonnen des Paradieses schenken — das vortreffliche Geschäft möchte ja wahrhaftig jeder machen! — und doch bezeichnet die Gemoro diesen als einen vollständig frommen, als das höchste Ideal! — Und wie sollte man dann jene edlen Männer bezeichnen, die nicht einen Sela, die viele Seloim und diese reichen Gaben in's Geheim geben, dabei Niemanden beschämen, Niemanden verletzen und nicht auch sogleich mit kecker Stirne von dem allgewaltigen, allmächtigen Gotte einen Gegendienst verlangen — wäre es nicht richtiger solche als vollkommen fromme zu bezeichnen — als einen so gewöhnlichen, ich möchte fast sagen, scheinbar gemeinen Almosenspender, mit dem höchsten Ehrentitel zu belegen? Die Stelle muß aber richtig aufgefaßt werden. Die Sache verhält sich nämlich so: Der Talmud zählt die verschiedenen Grade der Wohlthätigkeitsarten auf und werden diese auch so im Jad hachasoko4o°) aufgezahlt. Der niedrigste Grad ist jener, wo der Spender dem Empfänger die Gabe selbst in die Hand drückt, der Geber ist von einem gewissen Stolze erfüllt, der Empfänger wird gedemüthigt: — die zweit höhere Stufe ist, wenn der Spender den Empfänger nicht kennt, die dritte im Range nach oben, wenn der Empfänger den Spender nicht kennt, als die höchste Stufe aber wird jene bezeichnet, wenn weder der Empfänger den Spender, noch der Spender den Empfänger kennt. — Ich aber glaube, daß es eine noch weit höhere Stufe gibt, jene nämlich, wo der großmüthige Geber nicht nur auf jeden Dank verzichtet, sondern wo er, weit mehr noch, den Beschenkten glauben machen will, dieser, der Beschenkte, erweise ihm durch Annahme seines Geschenkes einen Dienst, und einen so edlen, gottgefälligen und menschenehrenden Wohlthäter schildert nun unsere vortreffliche Talmudstelle in wenigen kräftigen Worten. Hoomer, — der da sagt, nicht hanaußen, der da giebt! er sagt es nur, um den Beschenkten ' icht zu verletzen, um zu verhindern, daß eine Thräne der Beschämung in sein Auge tritt, ich 105) Lvrüche C. 21, L 14. 1061 dut Werk des Maimonides, das alle gesetzlichen Besiüilinuiigen des Iudenthums nach Materien geordnet einführt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.