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Der Israelit · 1878-08-28 · Heft 35 (28.8.1878) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 35 (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
– (sequence 22)
Language
German
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86 4 So fühlt er Juda gegenüber, weil es an dem Ewigen festhielt, Ehrfurcht. Bewunderung, dahin spritzte er nicht den Geifer seines satanischen Spottes. Darum erschienen ihm die Schriften Israels nicht im blassen Scheine des Dahingeschwundenen, sondern als etwas noch jetzt Lebendes. Daher diese lebensvolle Darstellung, daher der erschütternde und zugleich erhebende Ton, diese bei ihm so seltene Reinheit von allen schwächlichen, niederziehenden Empfindungen. Er wußte wohl. waS er der hebräischen Dichtung schuldete, daher brachte er ihr die schönste Huldigung dar, die ihr je von Dichtergemüthern geworden: O Harfe, die der König einst, Der Liebling Gottes hat geschlagen, Du heiligst Sünder, wenn Du weinst, Du kannst von Herz zu Herzen tragen. Zersprungen bist Du längst. O könntst Du klagen! Du sänftigest den Starren bald, Dem neue Tugend Du gegeben, Kein Ohr ist taub, kein Herz bleibt kalt, Wenn Deine Töne uns umschweben. Sank Davids Thron — sein Lied behielt Gewalt. Du rühmst die Thaten unsres Herrn, Du tönst zu Gottes Ehre Lieder, Die Thäler rauschen nah und fern. Es stürzt der Berg, die Ceder nieder. Wenn Du zum Himmel tönst und 's hallet wieder. Wenn auch auf Erden nicht mehr klingt Dein Ton, doch Lieb' und Demuth naht, Und jedes Herz, das fühlet, schwingt Sich mit Dir auf zum Himmelspfad .'. Wiegt diese Huldigung nicht eine Unmasse gelehrter, dickleibiger Werke auf, die über die Psalmen in Umlauf gesetzt werden, ohne ein so klares Bild von allgemeinem Inhalt derselben zu geben, wie diese wenigen Worte? Aber es sind die Worte eines mitfühlenden Dichters, nicht eines kalten Beobachters, der statt empfänglichen Gefühls nur eine Brille zur bessern Fernsicht, mitbringt. Um so höher müssen wir diese Worte Byrons schätzen, als er die hebräische Dichtung nicht als einen vorverkündenden Gesang des Kirchenthums, sondern als ein dem Judenthume eigentümliches Gut erhob. Was kann aber das Wort Byrons bedeuten, daß, „auf Erden die Harfe verklungen wäre?" Ist diese Klage wieder ein Ton jener Seufzer um Zion, so nahm Byron an, daß mit dem Falle des! Tempels der Psalter aufgehört habe, im Bewußt-! sein der Oeffentlichkeit zu leben und den Gottesj dienst zu beherrschrn, als wenn mit den Sängern j des Tempels Alles verstummt wäre. Doch wußte i Byron wohl nicht, daß die Davidischen Gesänge ' immer einen Hauptbestandtheil des jüdischen Gottesj dienstes ausgemacht haben, daß sie nie aus dem Bewußtsein des Volkes geschwunden sind, sondern dessen Trost waren in den düstersten Zeiten. Noch erstaunter würde Byron gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß der Quell der Dichtung in der Bibel für Israel nicht versiegt war, sondern daß eben der Gottesdienst den Altar bildete, auf dem die Sänger Juda's jederzeit ihre Gesänge niedergelegt haben; wenn ihm Jemand klar gemacht hätte, daß alle Freuden und alle Leiden des Volkes, all sein Selbstbetyußtsein, sein Vertrauen, fein Stolz und seine Wehmuth. daß all das in den ergreifendsten Tönen gesungen wurde, daß die Stimme ganzer Jahrtausende und ihres Fühlens wiederklingt in den Gebeten unseres Volkes; daß die Dichtung Israels stets den hohen Zweck verfolgt hatte, den Byron an ihr verherrlicht: Durch Belehrung Tugend auszusäen und die Herrlichkeit unseres erhabenen Schützers zu verkünden. Wie aber wäre er erstaunt, wenn ihm Jemand den Zustand Israels in unserer Zeit vorausgesagt hätte? Wenn ein Erleuchteter ihm bewiesen hätte, daß es für unsere Tage sich nicht mehr schickt, der eigenen glanzreichen Vergangenheit im Vergleiche mit der Jetztzeit ein Tag wehmutsvoller Betrachtung zu weihen? Daß wir durchaus nicht nach Zion zurückblicken dürfen, weil das etwas uns Abgestorbenes ist, diese Erinnerung, der der außenstehende Dichter seine erhabensten Klänge geweiht hat? Würde er nicht einen großen Theil der Bewunderung gegen ein Volk verlieren, das seiner Vergangenheit sich schämt und mit den erhabenen Erinnerungen der Vorzeit brechen will, um ganz dem Wechsel der Gegenwart ohne einen Blick in die Zukunft sich anzuvertrauen? Wie befremdlich würde es aber Byron erschienen sein, wenn er unsere Umsturzhelden gewahrt hätte, die die Klänge der „Harfe, die der König spielte", die Israel in der Vollkraft der Ursprache besitzt, entfernen wollen, um sie durch das Gebrumme der Weltbeglückungspfeifentöne zu vertreiben; die die Freuden- und Klaggesänge, die durch Jahrhunderte sich winden, wollen schwinden lassen, damit statt des Gefühlten und Durchlebten das Gemachte sich breit mache. Wenn man ihm endlich jene tintenseligen Vielschreiber zeigte, die über Entstehungsart, Zeit und Sprache dessen, was sie aus der Welt schaffen wollen, die bogenreichsten Bände zusammenschreiben — was

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