Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1878)
- Date
- 1878-08-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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866 / Feuilleton. Simon Dieding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von 8. Kolm. (Verfasser von „Gabrie l".) (Fortsetzung.) Und.meinst Du, Mensch, Du wirst ewig leben?! Nein, gewiß nicht, das wird auch der blödeste Thor nicht glauben! jeder Mensch weiß, er ist hinfällig, Staub und Asche, ein zerbrechlicher irdener Scherben — er weiß es, der j Tod steht hinter jedem Menschen * er lauert auf ihn — er kann ihn jede Secunde — vielleicht schon in der nächsten erfassen.Und meinst Du." Nabbi Joels Stimme hatte einen wunderbaren Klang angenommen, es war ein leises, geheimnißvolles Wispern, aber jedes seiner Worte war auch im fernsten Theile des weiten Raumes deutlich vernehmbar, und jedem Einzelnen schien's. als wenn des Redners Blick nur auf ihn gerichtet, jedes seiner Worte nur für ihn bestimmt wäre, wenn er nur mit ihm allein spräche. „Wenn Du einst vor dem Richterstuhle des Einen, des Unerforfchlichen treten wirst — meinst Du, er wird Dich nicht verantwortlich machen für das Köstlichste, was er vertrauungsvoll in Deine Hand gelegt? für Dein Kind!? Dein Kind! das steht Dir doch noch höher als Geld, Reichthum, Macht, Ehre — nicht wahr? Nicht wahr, Du Vater, Du Mutter! wenn Du an dem Bettchen Deines Kindes stehest, seinen ruhigen, friedlichen Schlaf betrachtest, wie es im Traume süß lächelt und wohl auch im Schlafe halb laut spricht: Vaterl! Mutterl! — nicht wahr, da fühltest Du es tief in dem Urgrund Deiner Seele, daß Gott Dich reich beschenkt, daß er Dir das Herrlichste, das Allerprächtigste gegeben, was er nur gibt auf Erden — nicht wahr für Dein Kind könnte man Dir Millionen bieten, Mutter! Vater! nicht wahr, der Preis wäre Dir doch zu niedrig. — Und wenn Dich Gott, der Allmächtige, einst fragen wird: Was hast Du mit dem reichen, beglückenden Schatz, den ich Dir anvertraut, gemacht, — was wirst Du zu antworten vermögen? Glaubst Du, der allmächtige Gott wird^ Dich fragen, hast Du ihm Gold, — recht viel Gold hinterlassen? — glaubst Du Thor, daß Gott, Dein Herr und Schöpfer, Dich fragen wird, hast Du nur recht viel irdisches Gut für ihn errafft — irdisches Gut, das er in einer bösen Stunde verlieren kann!? — Nein! aber er wird Dich fragen .... hast Du Deinen Sohn Tbora gelehrt? von der es heißt: Mein Wort soll nicht weichen aus Deinem, Deiner Kinder und Kindeskinder Munde — bis ewig! — und Mann! bei dem lebendigen Gotte, dessen heilige Schauer mich hier an geweihter Stätte erfassen; — ich würde nicht um alle irdische Schätze an Deiner Stelle sein — wenn Du nicht — bescheiden aber ruhig antworten könntest: Herr mein Gott! Ossisi Kechol ascher Ziwissoni — ich habe gethan, Wie Du mir befohlen, — ich habe mein Kind im Glauben seiner Väter unterrichtet." Rabbi Joel machte eine Pause, es war eine lautlose Stille eingetreten , man hörte nichts als tiefes Athemholen, und hier und da unterdrücktes Schluchzen, er erkannte, seine Worte hatten fruchtbaren Boden gefunden. „Ihr behauptet auch", fuhr er nach kurzer Pause fort: „Ihr habt Awaudo, Gottesdienst . . . . ja ... . Ihr habt wundervoll schöne Gotteshäuser — Gott möge sie noch recht lange erhalten im vollen Glanze — und auch das muß ich Euch zugestehen, sie sind stets gefüllt — aber, wie betet Ihr? — Von der Mizwe gilt im erhöhten Maße der talmudische Ausspruch: hakodosch boruch hu mezaref machschowo towo lemaisse, — der Heilige gelobt sei er! zählt der ausgeübten Handlung den guten Sinn hinzu — aber ich frage Euch — habt Ihr beim Gebete eine gute Machschowo, Andacht, innere Sammlung — ist Euer Geist, Eure Seele bei den Worten, die Eure Lippen mechanisch aussprechen? — Ich sag Euch nein! — Glaubt nicht, weil ich ein Fremder bin, so kenne ich Eure Fehler nicht — ich kenne sie genau, und wenn Ihr ehrlich seid — so werdet Ihr dies aus meinen Worten erkennen müssen. Ihr betet mit den Lippen — nicht mit dem Herzen, Ihr unterbrecht Euer Gebet an allen Stellen auch bei dem Wichtigsten, um thörichter lappischer Dinge willen, sogar in Krias Sechma^) und zwischen Göullo und Tefillo "0). — Während des Gebetes, ja sogar während das Wort des lebendigen Gottes aus dessen heiliger Thora verlesen wird, wird geplaudert, — in dem Hause des Allerhöchsten, des Allerheiligsten werden oft Dinge gesprochen, die nicht daheim im stillen verschwiegenen Zimmer, die gar nie, über des Menschen Lippen kommen sollten.im Hause Gottes, oft während sein Wort gelesen wird, 98) Pflichterfüllung. 99) Bei dem Lesen des Schema. 100) Der Benediction, welche den 18, welche stehend gesprochen werden müssen, vorangeht.