Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1878)
- Date
- 1878-08-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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844 spielte". In diesen Gedichten vergißt man ganz den Engländer, man glaubt wirklich einen Vertreter jener Zeit vor sich zu sehen, den ganz deren Empfindungen erfüllen. Ob er die Tochter Jephta's sprechen läßt, die Kraft der Richterzeit darstellt, die in dem zarten Mädchen solchen Opfermuth hervorruft und alle Schwäche schwinden läßt; ob er ihren Stolz auf den Heldenvater mit ihrer Kraft verschmelzt und also das Familiengefühl im Judenthume verherrlicht, das zu so großen Opfern begeistern kann; ob er die Riesengestalt Sauls vor unser Auge beschwört, wir den Helden mit verzweifeltem Muthe in die letzte Schlacht sich stürzen sehen, die mächtigen Worte hören. mit deyen er seine Kämpfer ermuthigt, ihren Stahl in die Busen derer von Gath zu bohren; wie er endlich vereint mit seinem Sohne Jonathan den dichtesten Feindeshaufen aufsucht; ob wir das Jubellied nach der Vernichtung Sanheribs vernehmen, in dem Byron das SiegeSbewußtsein des Liedes am Meere mit dem vernichtenden Hohne Deboras, ein schreckliches Bild der Verwüstung mit der Siegeöfreude zu verbinden gewußt hat; ob er in feierlichem Tone das Gesicht des stolzen Belsazar uns darstellt, der trotzig den Allmächtigen herausfordert und sofort aus seiner Höhe gestürzt wird: stets entspricht sein Ton dem Gegenstände, ihre herrlichsten Töne lauscht er der Schrift ab und findet darin eine Kraft, zu der er sich sonst nicht erheben konnte. Sein Gegenstand läßt ihn das eigene Ich ganz vergessen, sowie seine Starkgeistigkeit und Winselei, und diesem Gefühle wahrer Befriedigung entspringen so erhabene Töne. So stellt er die Zeit des Glanzes, des biblischen Israeldar, die ja einen auch weniger Begabten zur Erhabenheit begeistern kann. Zeigen doch die heiligen Bücher in ihrer Einfachheit eine dichterische Tiefe, die menschlicher Kunst spottet und von ihr nicht erreicht werden kann. Aber Byron geht noch weiter. Er folgt der Bahn unseres Volkes nicht nur zur Zeit des Glanzes bis zum Falle JerusalenS, als wäre Israel nur biS dahin berechtigt gewesen, für seinen Bestand zu kämpfen. Er wendet sein Auge nicht von der Leidensgestalt Israels ab, als wenn sein Bestehen den göttlichen Bestimmungen zuwiderliefe: Er sieht im Judenthume nicht ein Mittel, sondern einen Selbstzweck, er erkennt es als ein unzerstörbares Etwas an, das seine Sendung mit dem Falle des Heiligthums durchaus nicht vollendet hatte. Darum setzte er sich mit den babylonischen Gefangenen an die Flüsse Babels und stellte sich bei der Zerstörung des zweiten Tempels mit dem Juden vor Jerusalems Mauern, indem er*denselben sprechen läßt: Vom letzten der Hügel noch blickt ich auf Dich, O Zion, Du Bild, das mir nimmer erblich. Noch einmal der Abend Dich rosig umspielt, Drauf sah ich nur Gluth, die Dich schrecklich durch wühlt'.; Zum Tempel, zur Heimath noch einmal ich blickt, Da vergaß ich die Knechtschaft, die bald mich erdrückt, Wie furchtbar umwogt Dich der zehrende Brand! Wie rächte Dich gern die gefesselte Hand!? Nun läßt er die Erinnerung des Gefangenen wehmuthsvoll in die schöne Vergangenheit zurückblicken, in die Zeit, als er noch von demselben Berge aus um dieselbe Stunde den Tempel von herrlichem Purpurstrahle vergoldet erblickte, während jetzt die vernichtende Flamme daraus emporschlug. Es war das der letzte Blick, den der Jude auf sein stützendes Heiligthum, zugleich auf seinen vernichteten Lebensfrieden und sein zerstörtes Glück warf, womit alle Empfindungen des Selbstbewußtseins und Stolzes schwanden. Wie hat Byron das Tieferschütternde dieses Augenblicks empfunden, das in Tausenden und Äbertausenden von Klageliedern im Judenthume nachklingt. Aber diesmal verharrt Byron nicht in der Ausmalung dieses Schmerzes und schließt mit keinem Mißtone. Hier schien ihm eine solche Empfindelei zu niedrig, er läßt Israel mit dem echten Stolze eines Gottesanbeters sich über den ungeheuren Schmerz erheben. Seine eigentliche Größe ist nicht vernichtet. Wohl muß eS jetzt verachtet und geschmäht den Wanderstab ergreifen und ruhelos durch alle Länder wandern, muthig werfen die Abziehenden, wirft auch dieser Gefangene einen letzten Blick auf den in Asche finkenden Tempel und ruft zum Tröste und zur Ermuthigung: Die Götter der Heiden entweihen nicht mehr Dies Haus, das gebauet zu des Ewigen Ehr*. Wie niedrig» verachtet auch Juda mag sein — Der Stolz Deines Volkes ist, Vater, nur Dein! Damit hat er Israels eigentliche Stellung am schönsten ausgedrückt und anerkannt, daß dieses Volk einen hohen Zweck vor sich habe, der durch den Fall des Staates und den Verlust seiner erhabenen Stellung unter den Völkern ihm nicht geraubt werden konnte. Und dieses Volk wahrt seine Aufgabe. ES zieht wirklich äußerlich erniedrigt durch die Welt, sein Selbstbewußtsein in sich, das nur in seinem Gotte besteht. Weil es die Thora wahren will, rufen die Andersgläubigen: Ihr wollt den neuen Bund nicht anerkennen, nur aus Trotz sträubt Ihr Euch gegen die völkerverjüngende Lehre, indem Ihr feige fürchtend am Alten hängt, verblendet