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Der Israelit · 1878-08-21 · Heft 34 (21.8.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 34 (21.8.1878)
Date
1878-08-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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838 ja fast von Besorgniß an; „nun Morai werabossai^) ist Euch da nichts, gar nichts auffallend?" er schüttelte erstaunt das Haupt, als könne er das gar nicht begreifen, „ja sagt mir nur, wie geschieht denn das Wunder, daß Prag die uralte einst so heilige Gemeinde, einst der Stolz, die Zierde Israels , durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit noch besteht — denn Euch fehlen alle diese drei Säulen der Weltordnung?! Euch fehlt ja Thoro, Awodo und Gemilus Chassodim! Wer Prag in seinem vollen Glanze, in seiner Herrlichkeit und Pracht unter Rabbi JecheSkel Landau, unter Rabbi David Oppenheim — fichronom liwrocho — gekannt hat, der muß sich jetzt verwundert fragen: hasoß Noimi?! Ist das die Liebliche, Schöne?! — über ich will Euch die Lösung dieses Räthsels geben .„Habt Ihr einmal einen Dreifuß gesehen?" wandte er sich nun plötzlich an die ihm zunächst stehenden Männer, so daß diese unwillkürlich bejahend mit den Köpfen schüttelten, „gewiß dieses Geräth kömmt ja in jeder Wirthschaft vor. — nun schaut Ihr lieben guten Leute! wenn man einen Fuß von dem Pfännchen abbricht, dann ist das Ding sehr schwer zu benützen, die Köchin muß gar künstlich damit umgehen, es etwa mit einer Seite an die Heerdwand anlehnen .... brechen aber gar zwei Füße ab, da ist die Pfanne ja gar nicht zu gebrauchen, da fällt sie ja um, und wenn man einen leichtsinnigen Dienstboten hat, — und leichtsinnig sind jetzt die Dienstmädchen aller Orten, man muß wahrhaftig sehr aufpassen. daß sie nicht chaß wescholom^) milchding und fleischding Geschirr untereinandermischen, nicht Milch und Fleisch zugleich auf den Heerd stellen, das Fleisch gehörig lang im Wasser, dann im Salz liegen lassen, und es dann gehörig begießen, daß sie Schabbos und Jomtow halten; mit einem Worte man muß sehr scharf aufpassen, daß die Dienstboten nicht das Haus versündigen", der Redner hatte sich bei diesen Worten nach der Frauengallerie gewandt, als ob er in erster Linie dort Verständniß und Berücksichtigung seiner Worte erwarte — also ein leichtsinniger Dienstbote wirft das Pfännchen weg — und sagt das Ding taugt zu gar nicht mehr.aber die kluge Haushälterin, die sparsame Frau, die thut anders, sie bricht den dritten Fuß auch weg, — sie hat dann freilich keinen Dreifuß mehr — aber sie hat eine Casserolle, die sie zu anderen Zwecken gut gebrauchen kann b«) — und so ist's auch mit Euch .... 84) Eine damals übliche Ansprache: Meine Lehrer und Weisen! 85) Bewahre. 86) Dieses Gleichniß hat Rabbi Joel Pikwer in der That in seinem Vortrage in der Klaussynagoge gemacht. Euch fehlen alle drei Säulen Thoro, Awodo, ja wo alle Füße fehlen, da kann das Ding schon fortbestehen — nur. daß es kein Dreifuß, daß es etwas ganz anderes ist". Der Darschon machte eine kurze Pause, ein Gefühl eigenthümlicher Ueberraschung flog unsichtbar aber fühlbar über die ganze zahlreiche Versammlung hin. so von Prag, der ersten Gemeinde der Judenheil, zu sprechen! und das sonderbare, man konnte wohl sagen komische Gleichniß rief bei einigen ein leichtes Lächeln hervor; — aber plötzlich nahm Rabbi Joel ein tiefernstes Gesicht an und sprach: „Und so sage ich es Euch, die Welt ohne Thoro, ohne Awodo, ohne GemiluS chaßodim — ist nicht jene Welt, von der der fromme Simeon gesprochen .... sie ist eben etwas ganz Anderes! Aber ich sehe es an Euren erstaunten Blicken, Euch scheint es kühn von mir, daß ich s o von Prag spreche, Ihr denkt Euch, vielleicht magS auch Einer leise seinem Nebenmanne zugeflüstert haben, hoechod bo logur wejischpot schofot^) aber wer sprach so? die schlechten Männer von Sodom, der echte wahre Fromme aber nimmt Belehrung und Ermahnung von Jedermann an. — Ihr werdet Euch mit Verwunderung fragen, uns wirft man vor, wir hätten nicht Thoro. nicht Awodo, nicht Gemilus Chaßodim?! Weiß denn der Fremde nicht, daß wir hier große Talmide Chachomim°°) besitzen, daß wir hier — unberufen — Hunderte Lomdim hier haben? — Keine Awodo! hier wird täglich in neun großen herrlichen Bethäusern, in sechszehn kleinen Schulen und der liebe Gott weiß bei wie vielen Rabonim, Schiurfagern^), Lomdim und reichen Privatleuten täglich Minjan gemacht 91) — und der fremde Mann behauptet, wir haben keine Awodo! — und GemiluS chaßodim! wir halten unsere Armen aus, wir haben ein Beshamidrasch92) für arme Kinder, wir haben ein Spital, wir erhalten hier viele Hunderte fremde Bachurim, wir geben Fremden, die hereinkommen oder hier durchreisen, und dieser Mochiach wagt es zu sagen, daß uns die drei Stützen der moralischen Welt fehlen? — aber nur gemach! Wie Ihr denkt, wie Ihr sprecht, scheint Ihr recht zu haben; aber man muß sich die Sache näher betrachten, und beim rechten Lichte besehen erscheinen die Dinge ganz anders, als sie unser von 87) Der Eine kam als Fremdling hierher und will uns gar richten. Genesis C. 19, V. 9. 88) Talmudgelehrte. 89) Talmudisten. 90) Welche vor Jüngern Vorträge hielten. 91) Mit den zum öffentlichen Gottesdienste nothwendigen zehn Männern das Gebet verrichtet. 92) Lehrhaus, speciell für Prag, Armenkinderlehrhaus.

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