Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1878)
- Date
- 1878-08-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Auf den Antrag eines Mitgliedes beschloß die Versammlung mit Akklamation, Herrn Cremieux eine Ehrenmedaille darzubringen. nt i 1 U t p tt4 Simon Beding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von 8. Kolin. * (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) ES war Samstag Nachmittags. Durch die mächtigen, fast die ganze Höhe der Wände einnehmenden breiten Fenstern, fiel der schöne Sonnenstrahl und spiegelte sich in den mächtigen Hängelampen, die wie reines Gold glitzerten und in der reichen Stickerei des kostbaren Peroches^) aus grünem Sammt, das zwischen der Marmorbekleidung am Oron hakodesch niederhing, und lachte auf eine Menschenmasse herab, die Kopf an Kopf gedrängt mit orientalischer Lebhaftigkeit und in angenehmer prickelnder Spannung dem erwarteten geistigen Genüsse sehnsüchtig und ungeduldig entgegensah. Die große Versammlung bot einen schönen Anblick dar. Alle, auch die Aermsten waren schwarz gekleidet, der schwarze SchabbeSrock war allerdings in großer Majorität vertreten, aber auch der seidene Mantel, als alte Sabbattracht war häufig zu sehen, ja da auch einige Appelanten 77) und Talmudgelehrten der Einladung des Wanderpredigers Folge geleistet und erschienen waren, erglänzten in den obersten Reihen auch einige seidene Schubitzes^). Die Kopfbedeckung bot, von der Vogelperspective von der Frauengallerie aus gesehen, schon mehr Abwechslung und ein eigenartiges Bild. Cylindrische Hüte waren in der Minorität, geschnittene (etwa wie jetzt die Custoden, im Wiener und Prager Tempel tragen) und dreieckige Hüte wechselten mit flachen Barets und hier und da tauchte einzeln, eine cylindrische Zobelpelzmütze auf. — Jenes eigenthümliche schwer ' schilderbare Geräusch, das zwischen dem Summen eines riesigen Bienenkorbes und dem dumpfen Schalle einer sehr entfernten Meeresbrandung die Mitte hält, stieg auS der Volksmenge zu der dicht gefüllten Frauensynagoge empor, deren Insassen 76) Tabernakelvorhang. 77) Oberjuristen, Mitglieder des Rabbiner-Collegiums. 78) Kaftane. durchgeflochtenes Holzwerk, das die Fenster der Frauenabtheilung bis zum vierten Theil ihrer Höhe verhüllte, dem Anblicke der Männeraugen entzogen waren. Jetzt schlug eS am Thurme des jüdischen RathhauseS drei, und der sehnlich Erwartete erschien pünktlich. Zwei Schamoßim schritten ihm voran, j sein Schnellgabbe folgte ihm; es schien ein | halbes Wunder, daß sie die dicht gedrängten Massen zu durchschneiden vermochten; aber gleich nach dem er einen Schritt gemacht, schloß sich sofort die Menschenmenge hinter ihm, bis er über das Almemor zu den Stufen, die zu dem Oron hakodesch hinanführten, anlangte. An der untersten Stufe empfing er von seinem Diener denTalis"), den er umnahm. Dieser mit einer breiten silbernen Borte versehen, war so groß, daß er den riesigen Mann, trotzdem er ihn über die hohe cylinderische Pelzmütze schlug, doch bis zu den Füßen niedersank. Rabbi Joel schritt dann langsam die Stufen empor, küßte das PerocheS, blickte dehmü- Ihig empor und sprach, seinem Auditorium um einige Minuten den Rücken wendend, ein leises inniges Gebet. Mit einem Male hatte das Gesumme aufgehört, eine fast bedrückende Stille hatte sich in dem weiten Raume über die Menschenfläche verbreitet, — und die Herzen klopften vor Spannung, Erregung und Erwartung. Jetzt wandte sich Rabbi Joel um, mit einem leichten Lächeln der Befriedigung überflog er mit einem Blicke das ganze Gotteshaus. Die Augen Tausender waren auf ihn gerichtet, er durchfurchte mit der Hand den lang herabwallenden Bart, warf den Kopf zurück und begann. Die andern Darschonim pflegten ihrem Vortrage einen sogenannten Reschuß, eine eigenthümliche Formel,' welche in hebräischer Sprache die Bitte an die geistlichen und weltlichen Oberhäupter der Gemeinde und Synagoge enthielt, sprechen zu dürfen, und reich mit Weihrauchdüften für diese geschwängert war, voranzusenden. Rabbi Joel unterließ dies und mit einer lauten, wohlklingenden bis in die entferntesten Räume des Gotteshauses reichender Stimme sprach er: Simon der Gerechte sagt: Auf drei Dingen steht die Welt, auf Thoro"), Awodo^) und Gemilus Chassodim^), der Redner machte eine kurze Pause, seine ausdrucksfähigen Züge nahmen einen eigenthümlichen Ausdruck von Verwunderung, 79) Diener, der für die persönlichen Bedürfnisse des Rabbi zu sorgen hatte. 80) Gebetmantel. 81) GotteSlehre. 82) Gottesdienst. 83) Wohlthätigkeit.