Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1878)
- Date
- 1878-08-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Eigenliebe, Selbstsucht und Selbsttäuschung befangener Blick uns darstellt .... Ja ... . das gestehe ich gerne ein, Prag hat große Talmide Ehachomim — haschem jarich jome» chem^)! —viele, große Lomdim; —aber gestattet wr eine einzige Frage, wie wird es denn in der Zukunft mit der Thoro in Prag auSsehen? Wie wirds in dreißig, vierzig, fünfzig Jahren werden, wenn Eure unschuldigen Kinder, herangewachsen, Familienväter, wie wenn diese Greise sein werden?! Schauert Ihr nicht zusammen, wenn Ihr daran denkt? Prag hat jetzt noch große Talmide Chachomim, — ascher Kotnom owo memosni^) — aber Thoro — d. h. das Thorastudium für ewig, ewige Zeiten, die Thoro habt Ihr nicht. Die Thoro, von der der weise Simeon spricht, besteht nicht darin, daß in einer Gemeinde von so vielen lausenden Seelen — fett jirbe wecken sifrotz — zwei, dreihundert Lomdim fleißig lernen — und die Jugend — die Zukunft, — die spätere Welt nichts lernt und nichts weiß! — daß — Gott möge es gnädigst verhüten — das Wort des lebendigen einig-einzigen Gottes einst fremd werde unter den Kindern Israels! - Die Thora, die mächtige Stütze der moralischen Welt, muß ewig dauern — und — woher sollen später die Stützen kom neu, wenn die prachtvollen, herrlichen Säulen, die jetzt den Bau tragen, — nicht mehr bestehen, wenn diese, wie alles Irdische, wie alles Geschaffene, einst — und das ist ja unausbleiblich in Staub, Schutt und Moder zerfallen sind!? — Ich sage es Euch, die Jugend, Eure Kinder in der Thoro hakdoscho^) zu unterrichten, das ist Eure erste, Eure heiligste Pflicht, — und das hat schon Einer gesagt, der unendlich höher ist, als wir Alle, — den wir mit unserm schwachen Menschengeiste nicht zu erfassen vermögen, Einer, der der Höchste, Allerhöchste ist — der einig-einzige Gott! .... Sagt Jhrs nicht täglich: „wefchinantom lewonecho ^)!" .... Bedenkt es Ihr lieben Leute, Alles auf der Welt ist vergänglich .... Reichthum, Glanz. Ehre; Alles ist eitler Schaum, zerplatzt wie eine buntschillende Seifenblase — aber Eines besteht — das ist Gottesfurcht, Kenntniß der Thora! —Reichthum, Maa.t, Glanz, äußere Ehre kann Euch eine Schicksalswendung mit einem Schlage entreißen! .... Ich habe Männer gekannt, die Hunderttausende besaßen — und später 93) Gottt erhalte sie lange am Leben. M) Deren kleiner Finger stärker als meine Lende ist, eine Methapher der Bescheidenheit, die oft angewendet wurde. 95) Möge sie sich stets vermehren und vergrößern! 96) Die heilige. 97) Und Ihr sollt sie lehren Euren Kindern! vor fremde« Thürea ein Stück Brod erbetteln mußten — ich habe Männer gekannt, die in prachtvollen Carossen fuhren, in Palästen wohnten — und dann zur tiefsten Stufe des menschlichen Elends herabsanken — ich habe Menschen gekannt, vor denen sich Millionen Menschen gebeugt, vor denen eine Welt gezittert —^unb die doch — den Tod des Verbrechers starben! In Frankreich lebte ein Fürst, ein Monarch, ein mächtiger König, dessen Wort klang und Geltung hatte über den ganzen Weltball — und wie hat er geendet. auf dem Schasfote, unter dem Schwerte des Henkers! .... Ich sage Euch Reichthum, Glanz, Macht, alles Irdische ist vergänglich! Ihr könnt dies A^eS nicht hier auf Erden für Euch festhalten, um wie viel weniger auf Eure Kinder vererben! — und doch strebt Jeder darnach, feinem Kinde eine reiche Hinterlassenschaft zu sichern, und sammelt und errafft für die geliebten Kinder — und in einem Momente ist das Alles zerstört, vernichtet, — all sein Bemühen war fruchtlos — mb ment! der Mensch stirbt, und hat all sein irdisch Gut verloren und kann seinen Kindern nichts, gar nichts hinterlassen — muß er dann nicht verzweifelnd sterben! — Da weiß ich bessern Rath, — da weiß ich ein Gut — daS Euren Kindern kein Mensch, kein Zufall, keine Macht auf der ganzen Welt zu entreißen vermag! — DaS ist die Kenntniß der Thora: Thoro ziwo lonu Mosche, moroscho kehilas Jakow — die Lehre, die wir durch Moses empfingen, die ist das wahre, echte unzerstörbare Erbtheil in der Gemeinde Jakobs; — und legt die Hand an Euer Herz, könnt Ihr sagen, daß Ihr diese Pflicht, Eure Minder in der Thoro zu unterweisen, gewissenhaft erfüllt? — Ich sage Euch nein! .... ich habe mit Stauneu und mit Schrecken gesehen, daß Ihr Knaben kaum barmitzwe. ins Geschäft gebet, daß Ihr nur darauf sehet, daß sie frühzeitig den Handel erlernen, frühzeitig Geld erwerben .... ich habe gehört und erfahren, daß unter den vielen hundert Bachurim, die hier in Prag lernen, der kleinste Bruchtheil einheimische Kinder sind — ich aber sage Euch, im en gedojim en tjoschim — wenn es keine Lämmer gibt, kann es keine Böcke geben! — wo sollen denn, wenn die Jugend ohne Thoro erzogen 'wird. die Stützen der moralischen Welt für die Zukunft gesichert «erden? Wie soll die moralische Welt in der Zukunft ohne diese Stützen b stehen? Ich sage Euch, und jeder denkende Mensch, muß es in der eigenen Brust fühlen, wer sein Kind um schnöden irdischen Gewinnes willen, nicht zum Studium der Thora anhält — der arbeitet mit daran, die Grundfäulen der sittlichen, moralischen Welt zu zerstören, der hat es mitver-