Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1878)
- Date
- 1878-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447781--15265-2471207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
833 schenkt. Er liegt in einer der schönsten Straßen vnd ist 120,000 Fr. Werth. (Jerv. Chr.) Feuilleton. Kaööi Josetmann von Aosheim. Eine historische Erzählung. Y. In seinem Sommerschlosse zu Aschaffenburg saß Kurfürst Uriel; er war ein schöner Mann von 40 Jahren, doch trug fein Gesicht die Spuren eines inner» Leidens. Bor ihm stand sein Leibarzt, von seinen Glaubensgenossen Rabbi Livpmann Doctor genannt; er entstammte der Familie Beifuß, in welcher während des ganzen Mittelalters, bis auf unsere Tage, die ärztliche Kunst heimisch war. Rabbi Lippmann war nicht nur ein sehr geschickter Arzt, er war auch ein bedeutender Talmud-Gelehrter, und sein fürstlicher Gönner ernannte ihn später zum Oberrabbiner oder, wie damals der Titel lautete, zum Hochmeister sämmtlicher Juden des Kurfürstenthums Mainz. „„Ich hoffe,"" sagte der Arzt, „„daß Eurer Kurfürstlichen Gnaden die gute. reine Luft, wie sie hier vom Spessart herüberweht wohl thun wird. Aber um Eines muß ich dringend bitten: Eure Kurfürstliche Gnaden müssen jede Aufregung strengstens vermeiden. Mein gnädigster Herr muß schon fünf gerade sein lassen und sieben dazu. Die Aufregung ist Gift für meines theuren Herrn Zustand."" „Aber Lippmann, wie kann ich das! Ich weiß, Du bist mir ein treuer Diener und Du meinst es gut mit mir und denkst nur an meine Gesundheit; aber ich bin nicht mehr der Domdechant von Gemmingen, ich bin der erste deutsche Reichsfürst, der erste Kirchenfürst in Deutschland und der Beherrscher eines großen Landes. Wie viel Mißbräuche gibt es abzustellen! Die einzelnen Geistlichen verwalten drei, vier Canonicate, beziehen die Einkünfte und vernachlässigen die geistlichen Aemter; in Erfurt*) haben gewissenlose Vierherren**) die Stadt in Schulden gestürzt und ihre Güter ver¬ *) Erfurt gehörte zum Kurfürstenthume Mainz. **) So hießen die vier Bürgermeister von Erfurt. pfändet. Die ganze Verwaltung des Kurfürstenthums liegt im Argen, und wenn es meine Pflicht nicht erheischte, für die Berbefferung der Zustände zu sorgen, so träte doch die Nothwendigkeit an mich heran. Der Ertrag der Zölle und Steuern wird von gewissenlosen Beamten unterschlagen, und es fließt nichts in die kurfürstliche Kaffe; die Beamten meines Hofes, Köche und Kellner und Bänder*) stehlen wie die Raben. Wo soll das hinaus, wenn ich nicht um Alles mich selber kümmere? Die Schuld, die Dein Freund Joselin**) von Rosheim für mich bei den FaggerS ausgenommen hat, muß befahlt werden. Sage selbst, kann ich, darf ich mich von allen Geschäften zurückziehe», um mich vor Aufregung zu hüten?" „„Gnädigster Herr, es ist auch das nicht meine Meinung; ich meine nur. Eure kurfürstliche Gnaden sollten Euer heftiges Temparament beherrschen und alle Bestimmungen in Ruhe und Gleichmuth treffen. Ich selbst möchte meinen gnädigsten Herrn mit einem Geschäfte behelligen. Heute in der Frühe ist jener Joselin, den mein gnädigster Herr vorhin erwähnte, mit einem Juden aus Frankfurt am Main zu mir gekommen und haben mir Kunde von unerhörten Geschehnissen gebracht. Ein getaufter Jude, Namens Pfefferkorn, von den Predigermönchen in Cöln dazu beauftragt, hat vom Kaiser Maximilian ein Mandat erwirkt, das ihn berechtigt, alle hebräischen Bücher zu conficiren und zu verbrennen, unter dem Vorwände, daß dieselben Feindliches gegen die Lehre der Christen enthalten. Der Apostat ist ein ganz unwissender Mensch, der nicht einmal ein hebräisches Psalmbuch von einem Jesaias zu unterscheiden vermag. Gnädigster Herr, eS ist das ein großes Unglück, das uns bedroht, denn unsre heiligen Bücher sind unser größter Schatz und der Quell unsres Lebens."" „Der Verlust wäre nicht allein für Euch, er wäre für die Wissenschaft. Was würde mein Freund Reuchlm, der die hebräische Sprache und Literatur so sehr liebt und verehrt, dazu sagen?" „„Eure Kurfürstliche Gnaden beglücken mich sehr durch dieses hochherzige Wort. — Meine Brüder in Frankfurt wollen eine Deputation an den Kaiser senden. Allein, bis diese zurückgekehrt hat der Apostat die Bücher und Pergamente, mehr als 1500, darunter Werke von unschätzbarem Werthe, *) Kellermeister, Faßbinder. **) In allen deutschen Urkunden wird der Held unsrer Erzählung „Joselin" genannt.