Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1878)
- Date
- 1878-08-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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SSI welche der allmächtige Schöpfer noch jederzeit verfügen kann. Und deßhalb wollen wir treu und unverbrüchlich in der bisherigen Richtung verharren, bis der Tag der Prophezeihung kommt, an dem alle Bewohner der Erde vor der wahren Gotteserkenntniß ihr Knie in Ehrfurcht beugen werden. Bis dahin aber möge uns das Bewußtsein genügen, was auch durch Jahrtausende von Freund und Feind uns aufgebürdet wurde und wenn auch alle diese Mängel und Gebrechen wahr und begründet wären, für die eine Thatsache dürfen wir uns wohl das Zeugniß aller Völkerschaften erbitten, unter einer Bedrückung und Erniedrigung, wie sie keine Nation auf Erden erlitten, war dennoch unser Leben stets dem Glauben der Väter gewidmet und wir haben auch innerhalb dieser schweren, prüfungsvollen Zeit keine Satzung der heiligen Schrift, auch nicht eine einzige derselben für alle irdischen Güter jemals preisgegegeben. Endloser Beifall lohnte den Sprecher. Ein geselliges Mal in dem gastlichen Hause des Jubilars beendete die schöne Feier, welche zu Ehren eines echten Menschenfreundes veranstaltet war. Lesstng's Nathan, der Weise. VI. Mainz, 16. August. Nächst der Characterschilderung des Nathan ist es die der Recha, welche unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Recha. von christlichen Eltern geboren, ist als völlig verlassene Waise, als ganz kleines, hilfloses Kind dem Nathan übergeben worden, der für sie sorgt, wie wenn sie sein eigenes Kind wäre. Nathan hätte wohl das Recht gehabt, das Kind als Jüdin zu erziehen; er hatte aber, nach jüdischem Gesetze, nicht die Pflicht; wir Juden streben ja nicht nach Proselytenmacherei, und das Seelenfangen gehört nicht zu unfern Eigenthümlichkeiten. Andrerseits will Nathan das geliebte Kind, an das ihn „bald siebenfache Liebe bindet", nicht in einer Religion erziehen, die er nicht für wahr hält. Aber er will sie auch an das Judenthum nicht binden; es wäre ja möglich, daß ihm das erwachsene Mädchen von den Verwandten desselben wieder abgefordert würde, und dann hätte er die jüdische Pröselytin in schlimme Conflicte gebracht. Er erzieht daher das Kind in einer Religion des reinen Menschenthums. Solches liegt den Juden gar nicht so fern, wie man gewöhnlich glaubt. Sagen doh die Weisen: > Nan vbiyb pbn dp6 ttn D^yn moiN ’TDn „Die Frommen aller Nationen haben Antheil an der zukünftigen Welt." Eine solche Religion des reinen Menschenthums schließt die ewigen Wahrheiten des Judenthums nicht aus. Und Recha äußert sich wiederholt in diesem Sinne. Als ihr! der Tempelherr erzählt, daß er Pilger nach dem! Sinai begleitet, sagt Recha: Auf Sinai? — Ah schön! Nun kann ich zuverlässig doch einmal Erfahren, ob es wahr.... Tempelherr. Was, was? Obs wahr, Daß noch daselbst der Ort zu sehn, wo MoseS Vor Gott gestanden, als ... . Recha. Nun daS wohl nicht, Denn wo er stand, stand er vor Gott und davon Ist mir zur Genüge schon bekannt. Wir haben hier gleichsam das Glaubensbekenntniß Rechts. Es ist die sogenannte reine Vernunft, die der Offenbarung entrathen zu können vermeint, die nicht glauben will, sondern durch philosophische Gründe von Gott, Tugend, Untterblichkeit überzeugt zu sein wähnt. Es war die Leibnitz - Wolf'sche Schule des vorigen Jahrhunderts, der Lessing angehörte und der auch die Philosophie Mendelssohns entstammte. Diese Philosophen errichteten sich ein stolzes Gebäude aus dem ihnen unzerstörbar scheinenden Material. Alle die erhabenen, ewigen Wahrheiten, welche uns durch die Offenbarung geworden, meinten sie auf philosophischem Wege eruiren und unumstößliche feststellen zu können. Da kam Immanuel Kant, der große Weise von Königsberg, und schlug mit wuchtigen Schlägen das ganze stolze Gebäude in Trumm r. Lessing und Mendelssohn, wiewohl Zeitgenossen Kants, erlebten den großen, epochemachenden Sieg der Kant'schen Philosophie nicht mehr. Für Juden und Judenthum aber war der durchschlagende Erfolg Kant's ein glückliches Ereigniß. Wir wollen das näher begründen. Für die meisten Menschen, selbst für die Gelehrten und Hochgebildeten, um wie viel mehr für die Ungelehrten und Halbgebildeten, ist das philosophische Denken etwas ungemein Schwieriges, Unerreichbares. Nichtsdestoweniger kann man nicht allein in allen Wissenschaften, sondern sogar im gewöhnlichen Leben der philosophischen Begriffe und Anschauungen nicht ganz entrathen; es ist demnach natürlich, daß die meisten Menschen