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Der Israelit · 1878-08-21 · Heft 34 (21.8.1878) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 34 (21.8.1878)
Date
1878-08-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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lidjett Leben eine erleuchtende Auflösung verschaffen wird. Ganz anders aber gestalten sich die Verhältnisse und Bedürfnisse des Lebens für den Gottesläugner. Der Atheist ist Materialist; er kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nichts als das nackte Dasein und die nächsten vierundzwanzig Stunden. Jeder Trieb und jede Neigung an diesem Tag unbefriedigt, ist uneinbringlich für immer verloren. Der Atheist ist freiwillig Niemandem verantwortlich als sich, er ist sein eigener Leiter und Führer. Was aus ihm in der Welt geworden und wohin ihn das Geschick führt, ist ausschließlich sein Werk, sein Talent und sein Verdienst. Im Aufschwünge und unter glücklichen Verhältnissen bietet ihm dieses Bewußtsein das herrlichste Paradies, im Niedergang und im Unglück macht er auch Niemanden verantwortlich als sich, an die schwersten Schicksalsschläge des Lebens trägt Niemand die Schuld als seine eigene Person und er verurtheilt sich somit selber zu solch* einer unerträglichen Höllenpein, bis ihn der Revolver von dieser Qual befreit. Wenn sich nun eine solche Welt- und Lebensanschauung auch in denjenigen Kreisen Bahn bricht, deren größter Theil sich kümmerlich und entbehrend für's ganze Leben seinem Schicksale geopfert sieht, zu welchen Experimenten und zu welchen Ausschweifungen werden sich dieselben stets bereit finden lassen, wenn ihnen in dieser trost- und zukunftslosen verzweifelten Lage für das Ende ihrer Leiden keine andere Wahl in Aussicht steht, als der Sieg der Anarchie oder der Selbstmord? Unter solchen Verhältnissen muß wohl die Verantwortung auf denjenigen um so schwerer lasten, welche unter den unglücklichen und verwahrlosten Menschenkindern die einzig bewährte aufrichtende , trostreiche Ueberzeugung von dem unerforschlichen Rathschlusse des Herrn zu erschüttern suchen. Und wenn all' diese philantropischen Volksführer und Leiter für ihre gott- und confesfionslose Weltanschauung eine mathematische Gewißheit in Händen hätten, so müßten sie den noch vorhandenen gläubigen, religiösen Sinn unter den trost - und hilfsbedürftigen Volksschichten um so ängstlicher zu pflegen und zu erhalten suchen. Daß die Zeit gewiß nicht fern ist, wo jedweder, welcher Richtung er auch angehören mag, zu dieser Erkenntniß gelangen muß, dürfte wohl jeder zugeben, der die heutigen socialen Zustände, namentlich die erschreckende Statistik der Massenarmuth in allen Staaten Europas mit einem prüfenden Blick in's Auge faßt. Ob aber noch zu der Zeit der unentbehrliche, pietätvolle Glaube zur Erhaltung solch' einer religiösen Ueberzeugung nicht gänzlich geschwunden sein wird, kann kein Mensch mit Gewißheit bestimmen. In dem Augenblicke aber, wo ein solcher Fall eintritt, würde auch die ganze sittliche Gesellschaft aus einem entsetzlichen Traume erwachen, Völker, Fürsten und Regierungen würden vor einem schauervollen Abgrunde macht- und rathlos stehen; vergebens werden auch alle Anstrengungen sein, um^ die altbewährten Mittel und Wege wieder zurückzurufen und zu beleben, die man so muthwillig preisgegeben und in den Staub getreten hat. Sie werden sich nimmermehr finden lassen; zerstört, verwüstet und verwittert wird man wohl noch in allen Kreisen Knochen und Gerippe altehrwürdiger Ueberreste finden, aber mark- und leblos, da ihnen eben die durch Jahrtausende gepflegte, unentbehrliche, religiöse Scheu für alle Zeiten entschwunden sein wird. Unter Zuständen und Zeitverhältnissen, wo solche Eventualitäten und eine solche Zukunft zu erwarten stehen, darf wohl das alte Judenthum auf seinen göttlichen Ursprung und seine ganze beharrliche Vergangenheit mit einem erhebenden Bewußtsein zurückblicken. Die Atheisten, welche Gott als das Uebel in der Gesellschaft bezeichnen, haben zu allen Zeiten das alte Judenthum für die Erfindung der Gottesidee verantwortlich gemacht. Nun denn! Nach dreitausend Jahren darf dieses Judenthum die Bilanz seiner geschäftlichen Thätigkeit schließen und den Status derselben vor aller Welt mit voller Beruhigung zur Einsicht vorlegen, um es dann dem Urtheile der Geschichte anheimzugeben, ob die arme, leidende und entbehrende Menschheit zu der Zeit, als dieselbe noch die Gottesidee aus voller Ueberzeugung im Herzen bewahrte, so unglücklich, so trostlos und so verzweiflungsvoll am eigenen Herd und so gefahrdrohend für die ganze menschliche Gesellschaft war, als sie es eben erst geworden ist, seitdem dieselbe zu der unglücklichen Ueberzeugung verleitet wurde, daß für die Existenz der Menschen keine andere Bestimmung und keine andere Vorsehung maßgebend und vorhanden ist, als die für das gesammie Thierreich — die physische Kraft und die Selbsthilfe. In dieser ermuthigenden Ueberzeugung wollen wir auch weiter auf dem Wege ausharren, den unsere Vorfahren unter den schwersten Versuchungen niemals verlassen haben; und wenn wir uns auch in der Minorität befinden, so ist diese eben eine derjenigen Minoritäten, die sich zu allen Zeiten nur durch die äußersten Kraftanstrengungen auf der Oberfläche erhalten konnten, um nicht in der verderbten Massenströmung der Zeit unterzugehen, und es ist dies dieselbe Minorität in der heutigen Zeit, die einzige hingebungsvolle Minorität, über

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