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Der Israelit · 1878-08-21 · Heft 34 (21.8.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 34 (21.8.1878)
Date
1878-08-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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und ich wage hinzuzufügen, ein beachtenswerthes Wort zu richten. Vor allem aber muß ein von dieser Seite plausibel gemachter Vorwand richtig gestellt und gründlich beseitigt werden. Es ist nämlich Thatsache, daß all* die wahrhaft religiösen Volksklassen überall nur einen Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen, während die modernen liberalen Gegner derselben die überwiegende Majorität bilden, deren verfolgte Richtung überdieß durch all* die bekannten liberalen und confessionSlosen Gesetze als vollkommen stegalisirt und gerechtfertigt erscheinen muß. Dieser scheinbar berechtigte Vorwand aber erweist sich schon dadurch als eine vollständige Täuschung, da das Princip der Majorität nirgends so pietätvoll respectirt wird, als eben im alten Judenthum. Daß die Stimme der Mehrheit in allen Fragen der gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt werden muß, ist keine Errungenschaft der modernen Regierungsformen. Die universelle Volkscharte, welche diesen Grundsatz feierlichst proclamirt hat, ist viel älter, sie ist ebenso alt, wie die heilige Gotteslehre. Dort finden wir es ausdrücklich als ein Gebot der heiligen Schrift verzeichnet, in allen streitigen Angelegenheiten sich der Stimme der Mehrheit zu fügen. Man hat aber dieses Gebot im Laufe der Zeit mißoeutet, mißbraucht und im Wesen geradezu gefälscht, da man die Stelle aus dem Satze gerissen, ohne zu berücksichtigen, welche Bedingungen derselben voraus- und vorangestellt wurden. „Du sollst dir", sprach die heilige Schrift, „aus deiner Mitte rechtschaffene Biedermänner wählen, Männer, die Gott fürchten, der Wahrheit ergeben find, und die den Eigennutz hassen; diese sollem dem Volke Recht sprechen zu allen Zeiten." Hier findet man genau die Bedingungen bezeichnet, welche bei der Wahl von Vertretern und Vertrauensmännern aus der Mitte des Volkes maßgebend und bestimmend sein sollen. Einer solchen Majorität gegenüber wollen wir uns auch jederzeit in aller Ehrerbietung allen Beschlüssen derselben fügen und unterordnen. Daß aber die Majoritäten in der heutigen Zeit in allen Parlamenten, Communen und den meisten beschlußfassenden Vereinen keine solchen sind, wie sie hier bezeichnet erscheinen, dürften wohl der größte Theil dieser Körperschaften und gewiß nicht minder sämmtliche Organe der modernen öffentlichen Meinung auf das bereitwilligste zugestehen, „da bereits in den verbreitesten Tag- Blättern keinen Anstand genommen wurde, es „offen zu erklären, mit Darvin fei die Gottesidee „überwunden!" In einem solchen Zeitalter kann eS wohl nicht befremden und die Regierungen sollten dies nirgends außer Acht lassen, wenn sich die gläubigen Minoritäten nicht entschließen können, ihre religiösen und confessionellen Angelegenheiten dem Urtheile der Stimmenmehrheit in der heutigen Zeit gänzlich anheimzugeben. Wenn nun diese wenigen Worte wohl genügen dürften, um die unablässige Beharrlichkeit der strenggläubigen Elemente als vollkommen berechtigt erscheinen zu lassen, so wäre es doch kindisch und geradezu lächerlich anzunehmen, daß solche und ähnliche Argumente geeignet wären, um die Gegner zu überzeugen und dieselben in der von ihnen verfolgten Richtung wankend zu wachen, indem alle die beharrlich religiösen Volksklassen von dieser Seite als unglückliche, irregeleitete Geschöpfe betrachtet und beurtheilt werden, die um jeden Preis und durch jedes Mittel von diesem krankhaften Wahn geheilt und befreit werden müssen. Wenn nun diese Leiter und Führer der Volksmassen. wie dies von ihnen durch Wort und Schrift feierlichst betheuert wird, in der That keine andere Absicht haben, als das Geschick und die Zukunft der untern Bolksklassen zu verbessern und erträglich zu machen, dann wollen wir mit voller Beruhigung die Geschichte der unglücklichen und leidenden Menschheit zu Rathe ziehen, um es dann mit Sicherheit ermessen und beurtheilen zu können, ob all* diejenigen Mittel und Wege, wie sie von Seiten der Volksführer offen und in vertraulichen Kreisen für die arme, darbende Menschheit projectirt werden, geeignet find, derselben eine solche dauernde, trostreiche Beruhigung zu gewähren, wie dies der unerschütterliche Glaube an einen allwissenden, ge^ rechten, barmherzigen Schöpfer für die quallvollste: Lage im Leben unbestreitbar zu bieten vermag. „Die Verhältnisse und Bedürfnisse derMenschem mit der Gottesidee im Herzen sind ganz andere, als die derjenigen, bei denen dieser Glaube nich^ vorhanden, oder alterirt und schwankend geworden ist. Leid und Freud, Glück und Unglück im menschlichen Leben haben eine andere Bedeutung und eine ganz andere Wirkung mit und ohne der göttlichen Vorsehung. Jeder Mensch, von der Ueberzeugung geleitet, daß nichts auf Erden ohne den Willen Gottes geschieht, kann im Wohlstände und Ueberfluß nicht übermüthig auf Abwege gerathen und auch in Zeiten der Roth und Entbehrung niemals verzweifeln. Im tiefsten Jammer und Elend muß sich jeder GotteSglaubige von dem trostreichen Gedanken aufgerichtet fühlen, daß der allwissende Schöpfer alle Leiden der Menschen genau kennt, das Weshalb aber für jeden Sterblichen so lange unerforschlich bleibt, bis uns jenseits der Gräber ein anderes Leben und ein ganz anderes Dasein über all* die unfaßbaren Erscheinungen im mevfch--

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