Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1878)
- Date
- 1878-08-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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tag Zeit, meine Gegenforderung zu formuliren, es ist das nur eine kurze Frist — und in der Hauptsache, in der Ziffer wären wir ja einig." Tarnower senkte den Blick zu Boden, er mochte Ovpert nicht ins Gesicht blicken, und noch weniger sich von diesem ins Gesicht blicken lassen, in dem sich wohl alle Gefühle seiner Seele, Beschämung über die erlittene Demüthigung, sein ohnmächtiger Haß gegen seinen schamlosen Bedrücker, bestimmt auch die Gewissensbisse, die an seiner Seele nagten, deutlich aussprechen mochten. Oppert überlegte einen Moment, dann sagte er höflich: „Sie haben meine Meinung von Ihrer großen Klugheit neuerdings bestärkt. Wenn eS sich um nebensächliche Bedingungen handelt, etwa um solche, die Ihnen nach Ihrer Ansicht größere Sicherheit für meine Diskretion und Verschwiegenheit bieten, sollen Sie mich willig und entgegenkommend finden, — und auch die kurze Frist, die Sie zur Feststellung derselben wünschen, kann ich Ihnen unbedenklich gewähren — also bis Sonntag; — dann aber wünschte ich. volle, nette, runde Abmachung." Tarnower nickte stumm, die Unterhandlung war eigentlich für heute schon beendet, aber es war dem Großhändler doch angenehm, daß jetzt an die Thüre geklopft, und jedes weitere Gespräch durch die Ankunft des Handlungsreisenden eines großen Hamburger Geschäftsfreundes unterbrochen wurde. Sechstes Kapitel. Rabbi Joel Pikwer, der berühmte Mochiach "), War auf seiner Rundreise Erew Schabbos in Prag angekommen, und ein großer Ruf war ihm vorangegangen. Er war über Schowuos in Kollin geblieben, und es war schon früher auf schriftlichem Wege vereinbart worden, daß er am Samstag Nachmittag in der Klaus, der größten der Prager Synagogen, eine Derascha^) abhalten sollte. — Der Jude jener Zeit war, trotzdem die ersten Strahlen einer beginnenden Morgenröthe angebrochen waren, — der unvergeßliche Kaiser Josef hatte schon mehrere Jahre zuvor das Toleranzedikt erlassen — doch noch immer von der Außenwelt abgeschlossen, das Ghetto bildete seine Welt, die Erfüllung religiöser Pflichten in der Regel die Aufgabe seines Lebens, alles andere erschien ihm nur als Mittel zum Zwecke. Es ist eine bekannte Thatsache, daß es Geschäftsleute gab, die, wenn sie am dritten oder vierten Wochentage so viel erworben hatten, 61) Exhortator, Bußprediger. 62) Vortrag, Predigt. als sie für die Woche brauchten — sie in einer i« der Gegenwart unbegreiflichen Begnüglichkeit — ihre Geschäftslocalitäten schlossen, um nicht ihre Zeit mewalle^) zu fein, und diese lieber zu Talmudstudium verwendeten. — In dem Ghetto aber bildete die Synagoge den Brennpunkt, auf diese eoncentrirte sich fast das ganze Interesse des Juden. Jeder besuchte sie täglich wenigstens zweimal beim Morgen- und Nachmittaggebete, die meisten och ein drittes Mal zum Nachtgebete. Alle Familienfeste wurden zuerst in der Synagoge gefeiert, alle wichtigen Ereignisse mußten sich dort abwickel«. Wurde ein Knabe geboren, wurde er in der Synagoge beschnitten. hatte eine Frau ein Wochenbett überstanden, mußte deren Gatten zur Thora aufgerufen werden, erreichte ein Knabe das dreizehnte Jahr, wo er in die religiöse Gemeinschaft eintrat, mußte er am Samstag in der Synagoge Maftir sagen “), heirathetr er, wurde er am Samstage vor der Hochzeit ebenfalls zur Thora aufgerufen und die Trauung fand damals zwar unter freiem Himmel, aber im Synagogenhofe statt, war Jemand erkrankt. wurden in der Synagoge Gebete für ihn verrichtet, starb ein berühmter Mann, so wurde ihm im Gotteshause eine Leichenrede abgehalten, für Jedermann aber während des! Todesjahres und an dem Sterbejahrestage das Kadischgebet gesagt. Aber die Synagogen bildeten auch den einzigen Sammelpunkt der Juden. und wenn etwas von der Behörde publicirt werden sollte, so wurde dies Samstags in den Synagogen von dem Actuar des Gemeindevorstandes, der bis zum Jahre 1849 in Prag, auch eine politische Behörde war, ausgerufen, hatte das Rabbinat eine Mittheilnng zu machen, so wurde diese ebenfalls in der Synagoge kundgegeben, — unv endlich bildete die Synagoge auch den einzigen Erholungsort für den Juden, sie bildete sein einziges Vergnügen. Von Freitag Abend bis zum Sabbatausgange, befand er sich den größten Theil des Tages im Gotteshause. Freitag Abend fühlte er sich glücklich, wenn er in die hellerleuchtete — im Winter gut geheizte — Synagoge kam, und sich hier an dem Gesänge des Chasans und seiner Meschorerim ergötzte. Einen besonderen Hochgenuß aber gewährten dem Juden jener Zeit die Deraschah's, die gleichfalls in der Synagoge abgehalten wurden. Dem Talmudkenner gewahrten sie geistige Anregung, wohl auch Gelegenheit im Pilpul65) sein eigenes Wissen glänzen zu lassen, der Laie ergötzte sich höchlich an der geistreichen Erklärung 63) Zu vergeuden. 64) Prophetenabschnitt Vortagen. 65) Dialektische Einwürfe.