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Der Israelit · 1878-08-14 · Heft 33 (14.8.1878) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 33 (14.8.1878)
Date
1878-08-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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biblischer Verse, agadischer Talmudstellen und Midraschim, wiedere andere ließen sich gerne durch kräftigen Mussar^) und Tochocha^) erschüttern, und es hat in Prag zu allen Zeiten tüchtige Kanzelredner gegeben, welche ihr Publikum mit großer Macht anzogen und zu befriedigen wußten. Eine ganz besondere magnetische Kraft aber besaßen — schon durch den Reiz der Neuheit — die wandernden Darschonim, namentlich wenn diesen ein so gewaltiger Ruf, wie Rabbi Joel Pikwer, voranging. Einige dieser Wanderprediger waren in der That hochbegabte Männer, mit seltener Rednergabe und großer Menschenkenntniß, und wußten auf die große Masse, die damals, das muß allerdings gestanden werden, leichter enthvsiasmirt werden konnte, im hohen Grade einzuwirken. Jeder berühmte Wanderredner hatte ein eigenthümliches Genre, in dem er excellirte. Der bekannte Dubner Magid^) war durch seine vortrefflichen Mofcholim^), die er m das Gewand pikanter, interessanter mit Virtuosität erzählten Geschichtchen kleidete, weit und breit bekannt. Hirsch WotiSlono zeichnete sich wieder durch einen kernigen kraftvollen Humor aus, der seine Zuhörer oft stundenlang nicht aus stürmischer Heiterkeit kommen ließ und dennoch auf diesem scheinbar ungewöhnlichen Wege auf die Gcmüther der Hörer einwirkte. Rabbi Joel Pikwer aber, war ein Volksredner par excellence. Von der Natur dazu bestimmt, und auch mit allen äußerlichen und körperlichen Gaben für diesen Beruf ausgestattet, hatte er sich mit voller Kraft auf dieses Genre geworfen und so nahm er unter den Wanderpredigern eine hervorragende Stellung ein. Er war eine hohe und mächtige Gestalt, schon in der Mitte der Vierzig stehend, sah er weit jünger aus, und sein bis an den Gürtel niederfinkender Bart war von dem dunkelsten Schwarz, und noch nicht von einem einzigen Silberfaden durchwirkt. Er besaß ein edelgeformtes Gesicht und dieses den Vorzug einer außerordentlichen Ausdruckfähigkeit; eben so befaß seine Stimme eine merkwürdige Modulationfähigkeit; er konnte, wenn es dem Inhalte seiner Worte entsprach, leise, geheimnißvoll lispelnd, und doch bis in die entfernteste Ecke des Kopf an Kopf gefüllten Gotteshauses, vernehmlich sprechen; aber auch die Macht seines Organes bis zur vollen Stärke eines Donnerschlages anschwellen lassen; — daß er bei dieser seltsamen und eigenthümlichen Begabung, leicht verschiedene Stimmen annehmen und nachahmen konnte, wird man begreiflich fin- 66) Ermahnung' 67) Ttrafrede. 68) Prediger aus Dubno. 69) Gleichnisse.! den, und seine originellen Vorträge boten unter andern ungewöhnlichen Reizen, auch jenen dar, daß wenn er irgend eine Bibelstelle oder etwa ein Gespräch König Davids mit dem Propheten Nathan oder des Königs Ahab mit dem Propheten Elias citirte, oder auch nur ein aus dem Leben gegriffenes Geschichtchen als Gleichniß erzählte, man in der Rede der verschiedenen Personen, ganz verschiedene Stimmen erkannte, so daß wenn der hingerissene Zuhörer die Augen schloß, er glauben konnte, daß da oben vor dem Oron hakodesch^) gleichzeitig mehrere Personen agirten. Rabbi Joel vereinigte fast alle Vorzüge, die einzeln an seinen andern Collegen bewundert wurden. Er besaß einen merkwürdigen Humor, der, wenn er es wollte, die Zuhörer zu unüberwindlicher Lachlust hinriß, er besaß die seltene Gabe, auch die kleinen Schwächen der Menschen in launiger, ergötzlicher Weise zu geißeln; — aber er vermochte ebenso die Zuhörer tief zu rühren, und nicht selten wurde er in feinen Vorträgen durch minutenlanges Schluchzen seines Auditoriums unterbrochen; dabei pflegte der jedenfalls merkwürdige Mann zuweilen nach dem Grundsätze leo extremes 86 touobsnt — der heitersten Stelle im entschiedensten Gegensätze — der hierdurch um so wirksamer wurde mit überraschender Schnelligkeit Erschütterndes folgen zu lassen, und es war eine in seinen Vorträgen, eine oft und mit Vorliebe angewandte Phrase „Ihr lacht? — wartet nur, es wird nicht lange dauern und Ihr werdet weinen!" und sobald er diese Worte geheimnißvoll aber mit voller Zuversicht aussprach , so suhlte sich jeder Zuhörer schon im Vornherein von einem köstlichen Schauer durchrieselt, die vom Lachen gefalteten Gesichter plätteten sich mählig, und jeder bereitete sich für die neuen Eindrücke vor, die bald wie ein ergiebiger Platzregen auf seine Seele niederprasseln sollten; und Rabbi Joel hielt auch stets Wort, wenige Minuten später waren Alle von tiefer Rührung ergriffen! Nicht selten pflegte der gefeierte Volksredner in origineller Weise zu überraschen, er begann z. B. seinen Vortrag mit einem harmlosen einfachen Geschichtchen, so daß das Auditorium erstaunt zu ihm emporblickte, aber mit einer unerwarteten Wendung, oft nur durch ein einziges Wort, hatte er sich plötzlich einer wichtigen brennenden Tagesfrage des jüdischen Lebens genähert, und stand nun in meäia re. Häufig wandte er sich während seines Vortrages mit einer Frage an sein Auditorium, und liebte es auch zuweilen kurze Dialoge mit Einzelnen seiner Hörer abzuhalten, er ließ sich auch oft durch unvorhergesehenen Zu- 70) Tabernakel, vor welchem der Prediger steht.

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