Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1878)
- Date
- 1878-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Rabbi, im Eifer des Studiums das große Ereigniß des Tages vergessend. Dann aber erinnerte er sich, zerriß auf'S Neue fein Gewand, fetzte sich auf die Erde und weinte, und alle feine Schüler thaten wie er. 1500 hebräische Pergamentrollen, geschriebene und gedruckte Bücher constscirte Pfefferkorn allein in Frankfurt. Der materielle Werth dieser Bücher belief sich zu jener Zeit auf viele tausend Goldgulden. Die Vorsteher der Gemeinde beriethen, waS zu thun fei; da trat der Gemeindediener in das Berathungszimmer und meldete einen Fremden, der dringend wünsche, vor den Vorstehern zu erscheinen. Man gestattete eS, und der Fremde trat ein. ,.Verzeiht, meine Herren," sprach er, „daß ich mich in Eure Berathungen eindränge; aber vielleicht kann ich Euch in der Angelegenheit, die Euch gegenwärtig beschäftigt, nützlich sein; ich heiße Joselmann und bin aus Rosheim in Elsaß; mein Vater, sein Andenken sei zum Segen, hieß Rabbi Gerson, aus der Familie Loans." „„Gesegnet sei Euer Kommen,"" sagte Rabbi Moses zur Kanne, dem Fremden einen Sessel hinschiebend. „„Setzt Euch und redet, was Ihr zu reden habt. Kommt Ihr wegen der neuen Gesäroh?*)"" „So ist es," entgegnete Rabbi Joselmann. „WaS habt Ihr zu thun beschlossen?" „„Wir sind rathlos, ganz rathlos! Sollen wir eine Deputation schicken an den Kaiser - Unterdeß verbrennt der Meschummod**) alle unsere heiligen Bücher. Es ist eine Mackoh ascher lo keßuwoh, eine Plage, wie sie nie vorher vorgekommen." " „Man muß vor Allem Aufschub zu erlangen suchen." „„Der Senat dieser Stadt weigert uns jede Einmischung."" „So muß man suchen einen hohen Herrn, der in der Nähe wohnt, für unsere Angelegenheit zu interessiren, daß er den Meschummod an seinem schlechten Vorhaben hindere." „„Wer wäre so mächtig und so kühn, gegen den ausdrücklichen Befehl des Kaisers einfchreiten zu wollen?"" „Ich kenne nur einen, der das vermöchte und *) Gefahr, drohendes Verhänguiß. **) Apostat. der eS vielleicht auch thun würde. Es ist der Kurfürst von Mainz, nach dem Kaiser der mäch-' tigste und einflußreichste deutsche Fürst, der Kanzler des Reichs, der erste Fürst der deutschen Kirche. Ihr habt gehört, meine Herren, daß Uriel von Gemmingen im vorigen Jahre (1508) zum Kurfürsten ist erwählt worden. Er hat dem Dowcapitel und der apostolischen Kammer 25,000 Silbergulden zahlen müssen; er stammt aus dem Kraichgau, und ich besorge für sein ganzes Geschlecht die Geldgeschäfte; sein Beiter beauftragte mich, das Geld herbeizuschaffen; eS ist mir unter göttlichem Beistände gelungen. Die Fugger von Augsburg haben das Geld hergeliehen; ich habe es soeben der kurfürstlichen Kammer überbracht." „„Ach,"" rief Rabbi Jakob zur Kulpe, „„so seid ihr ein Günstling des Kurfürsten von Mainz? Ihr erscheint uns wie ein En^el Gottes."" „Ich kenne den Kurfürsten nicht und habe sein Antlitz nicht gesehen. Er ist ein gar gelehrter und stolzer Herr; er ist Doctor beider Rechte und war, da er noch als Domdechant fungirte, vom Kaiser zum Beisitzer des Reichskammergerichts zu Speier ernannt worden. Das ganze Geschäft habe ich lediglich mit der Kurfürstlichen Kammer verhandelt. Allein, der Kurfürst, Gott segne ihn, ist kein Feind der Juden. Ihr wißt, daß sein Vorgänger, Kurfürst Jakob, aus der Familie derer von Liebenstein, alle unsere Brüder aus dem ganzen Kurfürstenthume Mainz ausgewiesen hat. Kurfürst Uriel hat den Jehudim nicht allein gestattet, in ihre Wohnungen zurückzukehren, ihre Häuser wieder in Besitz zu nehmen, überall im Kurfürstenthume, außer in der Hauptstadt Mainz, zu wohnen, er hat auch unfern Bruder, Rabbi Lippmann Doctor, aus der Familie Beifuß, zu seinem Leibarzt ernannt." „ „Seid gesegnet für die frohe Botschaft," " rief Rabbi Moscheh Kohen, „„vielleicht gewährt uns Gott auf diesem Wege Hilfe und Rettung."" „Der Kurfürst weilt jetzt in Aschaffenburg in seiner Sommer-Residenz, und sein Leibarzt ist bei ihm. Wenn einer von Euch mit mir reifen wollte „ „Ich reise mit Euch," " sagte Rabbi Moscheh Kohen. „So wollen wir eilen, und morgen mit Tagesanbruch mainaufwärts reiten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Gotts.leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).