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Der Israelit · 1878-08-14 · Heft 33 (14.8.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 33 (14.8.1878)
Date
1878-08-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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809 getreten sei, eS nicht länger habe mit Stillschweigen ertragen können, daß in den rabbinischen Schriften, namentlich im Talmud, Gehässigkeiten gegen den Stifter der christlichen Religion und gegen die christlichen Glaubenswahrheiten verbreitet werden. Der Profelyt habe daher die kaiserliche Gnade angefleht, ihm zu gestatten, sammtliche Bücher des erwähnten Inhalts zu confisciren und zu verbrennen; seine Majestät, der Kaiser, habe darauf anzuordnen geruht, daß sämmtliche hebräischen Bücher aller Juden in Deutschland dem Pfefferkorn zur Prüfung und eventuell zur Vernichtung übergeben werden sollten. Kaum hatte der Schultheiß die Verlesung des Kaiserlichen Edictes vollendet, als sich in der Synagoge Weinen und Wehklagen erhob. Alles hatten die Juden verloren, Vaterland und Heimath; gedrückt, gequält und verfolgt waren sie allüberall, nur ein Schatz war ihnen geblieben, der Quell ihres Lebens, der einzige Trost in allem Ungemach, die heilige Gotteslehre, und nun sollte auch diese ihnen geraubt werden! Die Vorsteher der Gemeinde, Rabbi Moses zur Kanne *), Rabbi Jakob zur Kulpe, und Rabbi Moses Cohen bestürmten den Schultheißen mit Bitten und Flehen, doch ihrer zu schonen. Dieser zucktemit den Achseln und sagte: „Es ist kaiserlicher Befehl; ich kann dabei nichts machen. Wendet Euch mit Euren Bitten an des Kaisers Majestät. Zwar glaube ich nicht, daß es Euch etwas nützen wird; denn der Proselyt Jvhannes handelt im Aufträge der heiligen Prediger-Mönche von Köln, der Brüder vom Orden des heiligen Dominicus, und diese haben des Kaisers Schwester, die Herzogin Kunigunde von Bayern, für sich gewonnen, welche des Kaisers Majestät solange angefleht , bis er dem Pfefferkorn den Befehl hat ausfertigen lassen." Nach diesem trostlosen Bescheide wollte sich der Schultheiß, gefolgt von den Rathsdienecn, entfernen; aber Rabbi Moses zur Kanne hielt ihn fest. „„Gestrenger Herr Schultheiß,"' sagte er, „„verzeiht; wenn wir unsere Bitten vor den Thron unseres allergnädigsten Kaisers bringen und Seine Majestät gewährt uns Gnade, so hat bis dahin der Proselyt unsere heiligen Bücher schon vernichtet und verbrannt. Gewährt also Aufschub, bis die Antwort von des Kaisers Hof zurück ist."" „Ich kann nicht, des Kaisers Befehl ist deutlich und klar. Ihr müßt die Bücher dem Pfefferkorn ausliefern." Noch an demselben Tage begann Pfefferkorn seinen Henkersgang gegen die rabbinischen Schriften. *) Die Zunamen der Frankfurter Juden stammten meistens von ihren Häusern: zur Kanne, zum Rindskopf, zum Ochsen rc. her. Zuerst ging er zum Rabbbiuer. Auf dem Tische lag ein geschriebenes Psalmbuch mit dem Commen» tare jdes Rabbi David Kimchi. Damals gab es noch wenige gedruckte Bücher. Erst stebenzig Jahre zuvor war die Buchdruckerkunst iu Maiuz erfunden worden und noch nicht allgemein verbreitet. Die Bücher hatten zu jener Zeit einen großen Werth und repräfentirten ein bedeutendes Capital. Pfefferkorn nahm das Psalmbuch und sah nach dem Titel; aber das Titelblatt und die erstell Blätter fehlten. Er blätterte darin; eS war ohne Vocale in rabbinischer Currentschrift geschrieben. „Nehmt das Buch," sprach er zu den Dienern, „es ist das Buch Jesaias mit dem gotteslästerliche» Commentar des gottverdammten Abarbanel, voller Schmähungen gegen die reine Christenlehre." „„Du selbst bist ein gottvergessener Sünder, ein unwissender Mensch,"" schrie der Rabbiner. „„Kannst nicht einmal ein Psalmbuch von einem Jesaias unterscheiden und willst Dich aufwerfen zum Richter über unsere heiligen Schriften! O, wehe der Mutter, die Dich geboreu, wehe dem Vater, der Dich gezeugt!"" „Haltet Euer ungewaschenes Maul, Rabbi, sonst belange ich Euch wegen Majestatsbeleidigung, denn ich handle im Namen und im Aufträge des Kaisers!" Der Rabbi schwieg; er mußte zusehen, wie seine ganze Büchersammlung, die ihm lieber war als sein Leben, hinweggetragen wurde. Als Pfefferkorn gegangen war, zerriß der Rabbi fein Gewand, setzte sich auf die Erde, wie in Trauer um einen Gestorbenen, und weinte. So trafen ih» seine Schüler, und Einige setzten sich zu ihm auf die Erde und weinten mit ihm. Aber Einer von ihnen, Simon aus Bingen, sprach: „Nicht also, Rabbi, verzweifelt nicht. Tachath hapilpul jaaleh Lekach tob, anstatt des Pfefferkorns, den Gott verderben wird, werden wir unsere guten Lehrbücher wieder erhalten. Euch aber, Rabbi, hat Gott die Gnade gegeben, daß Ihr der Bücher nicht bedürft. Wisset Ihr doch die ganze Thora auswendig. Lehret uns ohne Buch." Da erhob sich der Rabbi und hielt seinen scharfsinnigen, talmudischen Vortrag auswendig. Und die Schüler horchten und wagten bald diesen, bald jenen Einwand. Solange es sich nur um Gemara und Raschi und Toßaphot handelte, ging Alles ganz gut. Da aber erwähnte einer der Schüler der Lehrmeinung des Rabbi Salomon bea Aderath, und es entspann sich ein lebhafter Streit über den Wortlaut derselben. „Neiße Sepher wenecheseh"*), sprach der *) Laßt uns das Buch holen und nächsten.

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