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Der Israelit · 1878-08-14 · Heft 33 (14.8.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 33 (14.8.1878)
Date
1878-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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805 Literarischer Bericht. Versuch einer Psychologie des Talmud von Dr. Moses Jacobson Jnauguralschrift. Hamburg. 1878. - E. Die Aufmerksamkeit, welche die Wissenschaft seit neuerer und besonders in der neuesten Zeit, dem Talmud zuwendet, um seine reichen Schätze zum Gemeingut aller Gebildeten zu machen, hat mit dem vorliegenden Versuch einer Psychologie des Talmud, eine Arbeit geliefert, die mit zu dem Trefflichsten gehört, was in diesem Genre geleistet wurde. Die Arbeit ist mehr als das was sie der Verfasser bescheidener Weise nennt, sie bietet uns keinen bloßen Versuch, sondern ein fast vollendetes talmudisches System der Psychologie. Was das heißen will, braucht dem Kundigen nicht erst gesagt zu werden. ES konnte sich in dieser Arbeit nur darum handeln, aus einzelnen Aussprüchen abgewonnenen Abstractionen, die leitenden psychologischen Prineipien festzustellen, und diese dann zu einem System zu vereinigen. Diese schwierige Aufgabe hat der Verf. mit einer Meisterschaft gelöst. die ihm sowohl die Anerkennung der Philosophen als Talmudisten sichert. — Daß die Arbeit, die nur den babylonischen Talmud umfaßt, noch nach manchen Seiten hin der Verbesserung fähig ist, schickt der Verfasser selbst voraus, und wäre es sehr ««wünscht, wenn der Verfasser selber, die Erweiterung und Fertigstellung der von ihm angeregten Arbeit in die Hand nehmen würde. Da diese Eröffnung einer neuen Seite der talmudischen Literatur aber jedenfalls Talmudisten wie Philosophen zu weiteren diesbezüglichen Forschungen veranlassen dürfte, so möge eS gestattet sein, auf einige Klippen aufmerksam zu machen, die bei einer solchen Arbeit zu meiden sind, deren volle Würdigung wir hier nnd da in der vorliegenden Arbeit vermissen. Wenn auch der Verf. sich vollkommen bewußt ist, daß unter den von ihm zusammengestellten talmudischen Aussprüchen, sich wohl nicht ein einziger befindet, der mit Rücksicht auf daS Studium der Psychologie ausgesprochen wurde-, und demgemäß es erst Sache vorliegender Abhandlung bleiben mußte, die Aussprüche so zu fassen, daß sie unter der psychologischen Perspective wahrnehmbar und für das Ganze verwendbar sind, so vermißt man doch in einzelnen, allerdings untergeordneten Punkten, die hieraus resultirenden Consequenzeu. Wir wollen dies an irgend einem Beispiele zeigen. „In Betreff des Gedächtnisses, heißt es S. 79, finden wir die Behauptung: eine unbedeutende nichtige Sache haftet nicht im Gedächtniß. .BO'N non hdi 'b'2 bi Synhedrin 29b. Wenn das richtig wäre, d. h. wenn der Talmud wirklich in Betreff des Gedächtnisses diesen Ausspruch gethan hätte, so würde die Erfahrung, welche täglich lehrt, daß allerdings nichtige unbedeutende Sachen, im Gedächtniß haften bleiben, dem widersprechen. In der That hat aber der Talmud in Betreff des Gedächtnisses hier gar keinen Ausspruch Ihun wollen, wie auS dem Zusammenhang klar hervorgeht. Es handelt sich dort darum, ob Jemand, der in Gegenwart von Zeugen spaßweise eine Forderung zugeftanden, dieses Zugeständniß dann später leugnet, ob ein solcher deshalb als Lügner zu betrachten ist. 'Ott bejaht diese Frage, von «m wird sie verneint, weil sich die Leute nichtiger Dinge in der That nicht zu erinnern pflegen. — Die Befähigung deS Gedächtnisses für Bewahrung nichtiger Dinge, steht hier gar nicht in Frage, es wird nur der Erfahrungssatz ausgesprochen, daß man gewöhnlich derartige Dinge nicht beachtet, aber nicht, daß man sie nicht beachten kann. S. 67 heißt es: »Wird die Macht der Gewohnheit noch durch daS Jntereffe unterstützt, so schreibt ihr der Talmud beinahe Unwiderstehlichkeit zu „ein Gelehrter darf an einem unreinen Orte nicht unnöthig verweilen, weil es ihm unmöglich ist, seine Gedanken von der Thora abzulenken. menon mpon ib mo« oon ~rDbn mm -nmn «6a nicy1? ntpr# 'Ob Berachoth 24b. Wir sehen davon ab, daß es weder aus dieser Stelle noch aus ihrem Zusammenhänge ersichtlich ist, wieso es sich hier um eine durch das Interesse unterstützte Gewohnheit handelt, aber wir bezweifeln, ob diese Stelle überhaupt von der Macht der Gewohnheit spricht. Jedenfalls aber würde der Talmud dann der Gewohnheit nicht beinahe, sondern vollständige Unwiderstehlichkeit zuerkannt haben, wie der Ausdruck nos« ’N besagt. In der That wäre aber noch zu beweisen, daß die Unmöglichkeit für einen oan i'vbn seine Gedanken an einem unreinen Orte von der Thora abzulenkeu, überhaupt auf der Macht der Gewohnheit beruhe. Wir glauben, sie liegt viel naher. Es kann ein i'obn orn vollständig Herr seiner Gewohnheit sein, er kann an einem unreinen Orte angelangt, den Vorsatz nicht an die %ffova denken zu wollen, fassen und auch ausführen wollen, aber der bloße Vorsatz macht seine Ausführung unmöglich. Denn er

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