Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1878)
- Date
- 1878-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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804 eitlem christlichen Kaufmann eine Schuld unter der Bedingung contrahirt, daß, wenn der Jude am Verfalltage nicht zahlen kann, der Christ berechtigt sei, dem Juden ein Pfund Fleisch aus dem Körper zu schneiden. Da der Jude am Verfalltage nicht hatte zahlen können und der Christ auf seinen Schein bestand so kam der Fall vor Pabst Sixtus V., der das bekannte Urtheil fällte, daß der Schein Wohl auf ein Pfund Fleisch, aber nicht auf einen Tropfen Blut laute, und so war der bedrängte Jude gerettet. — Shakespear., der übrigens die Juden gar nicht kannte, da zu seiner Zeit in England Juden nicht wohnen durften, hat das Sachverhältniß gerade umgekehrt; im andern Falle hätte er wohl nicht auf den Beifall seines Publikums rechnen dürfen. Lesstug hingegen setzte sich über derlei kleinliche Rücksichten hinweg; er schilderte den Juden vollkommen den wirklichen Verhältnissen entsprechend, wiewohl er darob noch heute — um wie viel mehr vor hundert Jahren — nicht wenig angefeindet wird. Wir meinen die wundervolle siebente Scene des vierten Aufzuges zwischen Nathan und dem Klosterbruder. Es ist dem Patriarchen von Jerusalem verrathen worben, daß Nathan ein Christenmädchen als das seinige erzogen — in damaliger Zeit ein erschreckliches Verbrechen. Der Patriarch sendet den einfältigen, aber biedern Klosterbruder auf die Spionage; aber gerade dieser ist es, der einst als Reitknecht das elternlose Kind der Fürsorge Nathans anvertraut hatte. Der Klosterbruder verspricht, Nathan nicht verrathen zu wollen und spricht dabei so einfach bieder, Daß Nathan ihm die Geschichte jener Adoptirung anvertraut. Nathan: Ihr, guter Bruder, müßt mein Fürsprech sein, Wenn Haß und Gleißnerei sich gegen mich Erheben sollten, — wegen einer That — Ach, wegen einer That! Nun, Ihr, Ihr sollt Sie wissen! — Nehmt sie aber mit in's Grab! Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht. Sie Jemand Anderm zu erzählen. Euch Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt Allein erzähl' ich sie. Weil die allein Versteht, was sich der gottergeb'ne Mensch Für Thateu abgewinnen kann. Klosterbruder: Ihr seid Gerührt und Euer Auge steht voll Wasser? b Nathan: Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. Ihr wißt wohl aber nicht, daß. wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, Zu dem ich sie geflüchtet, insgesammt Verbrennen müssen. Klosterbruder: Allgerechter! Nathan: Als Ihr kamt hatt' ich drei Tag' und Nacht' in Asch' Und Staub vor Gott gelegen, und geweint, — Geweint! Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, Der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen — Klosterbruder: Ach, ich glaub's Euch wohl! Nathan: Doch nun kam die Vernuft allmählich wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': „und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Rathschluß das! Wohlan! Komm! übe, was Du längst begriffen hast. Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreifen ist, wenn Du nur willst. Steh' auf! Ich stand und rief zu Gott; ich will! Willst Du nur, daß ich will! — Indem steigt Ihr Vom Pferd und überreichtet mir das Kind, In Euren Mantel eingehüllt. — Was Ihr Mir damals sagtet, was ich Tuch: Hab' ich Vergessen. So viel weiß ich nur: ich nahm Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf Mich auf die Knie und schluchzte»! Gott! auf Sieben Doch nun schon eines wieder! Und Nathan erzieht das Christenkind, an das, nach seiner eigenen Aussage, ihn bald siebenfache Liebe band. Wahrlich, Lessing schildert hier eine echt jüdische That. wie ähnliche tausendfach von Juden geübt sind worden und täglich geübt werden. So ist der Jude, gerade so wie ihn Lessing schildert. Wenn auch in der Verzweiflung ei» hartes Wort seinem Munde entschlüpft — Haß und Rachsucht ffnden keine Stätte in seinem Herzen, und er ist in jedem Augenblicke bereit, selbst dem Todfeinde, der ihn soeben tödtlich beleidigt hat, Gutes zu erweisen. Daß aber ein Mann, wie Lessing, der Lehrer seiner ganzen Nation, der Regenerator der deutschen Literatur, der Schöpfer des modernen Geistes, das so rückhaltslos ausgesprochen, in einer Zeit der blindesten Vorurtheile, ohne Rücksicht auf die Gunst oder Ungunst einer wahnbethörten Menge — das sichert ihm unsere Dankbarteit für alle Zeiten (Fortsetzung folgt.)