Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1878)
- Date
- 1878-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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785 schritt der Fähnrich Jörge Liebenauer aus Schlesien, die zusammengerollte Fahne tragend; der Locumtenens (Lieutenant) Fritz Stolpe aus Pommern war Tags zuvor in der Schlacht gefallen; sein Platz war noch unbesetzt. Vor ihnen breitete sich das liebliche Thal aus, durch das die Mogel fließt, deren Gewässer im bellen Sonnenscheine glitzerte; an den Ufern der Mogel streckte sich das Städtchen Rosheim hin. Es war ein entzückender Anblick; aber die harten Herzen der wilden Kriegsknechte rührte die Schönheit der Landschaft nicht. „Jochen!" rief der Hauptmann einen der Knechte herbei, „bist Du nicht aus hiesiger Gegend?" „„Gewiß, Hauptmann,"" antwortete der Angeredete, ein Doppelsöldner, „„in Bergzabern bin ich geboren."" „Kannst Du mir sagen, wie man das Städtlein nennt, das da im Sonnenschein liegt und ob viel Beute dortselbst für uns zu erwarten sei?" „„Das ^tädtlein kenne ich wohl; man nennt es Rosheim, und viele Juden gibt es dort; ich denke, da gibt es Goldfische zu fischen."" Der Hauptmann schützte mit der Hand die Augen vor der blendenden Sonne und ließ den Blick über die Gegend streifen. „Hei," rief er, „dort stehen drei Männer, und einer von ihnen schwenkt die weiße Fahne. Trommler! rührt die Trommel. Das Fähnlein soll antreten wie zum Kampfe!" Der Trömmter schlug, die Führer sprangen vor und ordneten ihre Rotten zu viereckigen Schlachthaufen, Jörge, der Fähnrich, entfaltete die Fahne, umgeben von den stärksten Knechten, welche riesige Schlachtschwerter führten; vor die Spießträger traten die Knechte mit den Feuerrohren (Schießgewehren). Dann dröhnte die große Trommel zum zweiten Male, der ganze Haufen siel auf die Knie, jeder der Knechte sprach mit gehobener Waffe ein stilles Gebet und warf, um sich für den Tod zu weihen, eine Handvoll Erde über sich. Als der Hauptmann aufftand, gab er dem Fähnrich das Zeichen. Der schwenkte das Fahnentuch in der Luft und rief den alten Schlachtenruf der Knechte: „Wohl über sie, Herr!" und „über sie, Herr!" schrie der Haufe nach, und vorwärts ging es mit ungestümen, wuchtigen Tritten, so daß die Erde erdröhnte. Die drei Männer sahen das Gebühren der Landsknechte, sahen die Läufe der Feuerwaffen gegen sich gerichtet, und zwei von ihnen erzitterten. „Laßt uns fliehen!" stammelte Raphael. „ „Ja, laßt uns fliehen," " sagte Rabbi Zadok, „„sie wollen keinen Frieden."" „Um Gotteswillen steht und geht nicht von der Stelle," mahnte Rabbi Joselmann. „Was könnte die Flucht unS nützen? Sie würden uns bald eingeholt haben!" Und die beiden Andern, die Wahrheit der Worte erkennend, folgten der Mahnung. So standen die drei Männer und erwarteten, auscheinend ruhig, die Ankunft der wilden Knechte. „Halt!" ries der Hauptmann. „Ihr seid tapfere Männer, da Ihr nicht in wilder Flucht davon gelaufen. Schade, daß Ihr Juden seid; denn das seid Ihr ja wohl!" „ „Wir wissen," " antwortete Rabbi Joselmann, „„daß die frommen, deutschen Landsknechte die weiße Fahne respectiren." " „Wohl gesprochen, Jude! Was wollt Ihr?" „ „Wir wollen einen Vertrag mit Euch schließen. Wir wollen Euch an baarem Gelde, was wir nur irgend aufzubringen vermögen, freiwillig geben, um unsere Häuser vor Plünderung zu schützen."" „Daß wir Narren wären und uns mit einem Thcile begnügen, da wir doch Alles haben können." „„Ihr irrt Euch, Hauptmann' Unsere Schätze sind wohlverwahrt, und Ihr würdet sie vergeblich suchen."" „Da gibt es noch Mittel, Euch zum Reden zu bringen." „„Unsere Männer sind standhaft, und unsere Weiber und Kinder kennen die Verstecke nicht."" „Was bietet Ihr uns?" „„Dreihundert Goldgulden."" „Gut, ich werde Euren Antrag zur Berathung bringen." Er winkte mit der Hand, und die Juden entfernten sich. Da rührte der Trommler die große Trommel, und die Knechte bildeten einen Ring. In der Mitte stand der Hauptmann; der Platz zu seiner Rechten, wo sonst der gefallene Locumtenens gestanden, blieb frei; zu seiner Linken stellte sich der Fähnrich mit der zusammengerollten Fahne. Um diese schaarten sich die Doppelsöldner, die Befehlshaber der einzelnen Abtheilungen; den äußeren Ring schloffen die Landsknechte. Der Hauptmann berichtete von dem Anträge der Juden. Die Knechte waren geteilter Meinung. „Potz Blitz," rief Veit Gonzenheimer. „sind diese Juden gescheidt! Nichts da, wir 'plündern! Gewiß besitzen sie große Schätze, da sie uns freiwillig abkausen wollen." „„Ein altes Sprichwort meint,"" sagte Kunz Münzenberger bedächtig, „„ein Sperling in der Hand sei besser als 10 Tauben auf dem Dache. Das Gold haben die Juden vergraben, und es ist noch sehr zweifelhaft, ob wir sie zum Bekenntniß ihrer Verstecke zwingen können. Nehmen wir deßhalb, was sie bieten, und ziehen wir ruhig weiter.""