Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-07-31 · Heft 31 (31.7.1878) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 31 (31.7.1878)
Date
1878-07-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447778--15196-2471135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

763 ■ :>v. ■ .'■ "'; ' vv-~ ■ -r : ...>.• iy^v legt, hätte es bei der Strafbestimmung als ein Milderungsgrund gegolten; aber ein in solcher Weise abgepreßtes, wird, wohl mit Recht, nicht als freiwilliges betrachtet - man las mir mein Urtheil vor, man hatte keine mildernde, nur erschwerende Umstande gefunden und so ward ich zu siebenjähriger Kerkerstrafe auf dem Spielberg verurtheilt. Es war ein entsetzliches Gefühl, ein dumpfer unbeschreiblicher Schmerz, der mich erfaßte, als man mir Eisen an Händen und Füßen anlegte, die ich volle sieben Jahre trug, — es war ein gräßlich Gefühl, als ich meine Genossen kennen lernte, — verthierte Geschöpfe. die nicht werth Waren den Namen Mensch zu tragen; bei denen ich vergebens nach einem Fünkchen Gottesahnlichkeit suchte .... es war ein grauenvolles Gefühl als ich das erste Mal des Nachts in meiner Einzelzelle eingeschlossen wurde — ich war ausgestoßen aus der Reihe lebender Wesen — und es gab keinen Gedanken, der mich trösten konnte — ich hatte mich von meiner Mutter nicht verabschiedet. Der Schmerz, ihr einziges Kind in Ketten zu sehen, hätte ihr zu wehe gethän. — ich erfuhr nichts von ihr — und in langen bangen Nächten erschien mir ihr Bild, bleich, abgehärmt .... arm, allein, verlassen , vielleicht vor fremden Thüren ihr Brod erbettelnd, krank — und ich .... ich war jern von ihr, machtlos, ohnmächtig, in Ketten, ein ehrloser Mann .... Meine zur Wahnsinnshöhe gereizte Phantasie hatte mir traurige, erschütternde Bilder vorgespiegelt — aber die Wirklichkeit war noch mächtiger als meine rege Phantasie — als ich nach sieben Jahren heimkehre und meine Schritte zum Mutterhause lenke, erfahre ich, daß sie todt — daß sie arm. unglücklich, blind, verlassen gestorben . . . . o! Gotl!" Wieder schwieg Reding erschöpft und die beiden Frauen schluchzten leise. „Arm war Deine Mutter, aber weder verlassen, noch mußte sie ihr Brod vor fremden Thüren erbetteln .... Muhme Kele und ich, wir theilten redlich mit ihr, was wir erwarben, erst vor einem halben Jahre, als ich selbst schwer erkrankte — ich will Dir's nur sagen, Du geliebter Mann! durch tiefes Herzleid, um Dich schwer erkrankte, und schon der Todesengel an meinem Lager stand .... da — das wirst Du wohl begreifen, Simon, da konnte ich nichts erwerben, und ihr eben auch nichts bringen, — da mag es ihr hart ergangen sein — und da wurde sie ins Hospital gebracht — wo sie auch starb . . . . Möge ihr Andenken gesegnet sein! — ich hatte ihr o lang als ich vermochte, den zärtlichen Sohn, der ... . abwesend war, nach bester Kraft zu er setzen versucht!" Reding hatte sich unwillkürlich erhoben, — in seiner Brust und in seinem Gesichte arbeitete es mit wunderbarer Eigenart, — er wollte sprechen, das sah man an dem Zucken seiner Lippen, aber er vermochte es lange nicht. „Du .... Du bist! . . . rief Kele gerührt zu Wilhelminen gewendet, „ich kann Dir gar nicht sagen, was Du bist . . . wir theilten, was wir erworben, Du! Du! kecke Lügnerin." Kele beugte sich zu Wilhelmine und berührte mit ihren Lippen deren Augen, die sich schämig schlossen .... „ich . ... ich habe Millionen erworben! was? . . . . ich, ich habe nur verzehrt, und Du, Du hast mich und Rifke Reding ernährt!" .Was ist Menschenwort um Dir zu danken, Mädchen!? Dich so glücklich zu machen wie Du'S verdienst — bei dem lebendigen Gott! — daS ist der höchste Wunsch, der in meiner Seele lebt! O! es war das auch ein unsagbarer, bitterer Gedanke, unschilderbar für Menschenwart und wohl auch unfaßbar für jeden — der es nicht selbst gefühlt .... Ich hatte gefürchtet, auch Du hieltest mich für schuldig, auch Du glaubtest — ich wäre ein Dieb .... ich glaubte, Du haßtest, Du verachtest mich, und das hat mir — sehr wehe gethan.ich habe oft zu Gott aufgeschrieen, er möge mich den nächsten Tag nicht erleben lassen ... . Gott erhörte mein heißes Flehen nicht!" O! Du hast nicht sterben sollen in Deinem Elende! rief Kele „Du wirst noch glücklich werden! glaub mir's!" „Gewiß, bestimmt!" sagte Wilhelmine mit einem süßen Lächeln. „In dem Momente bin ich's", sprach Reding, „und danke Gott aus voller Seele, daß Ihr mich ehrt und liebt! .... Ich habe auch viel gelitten, seit ich nach Prag zurückgekehrt .... Die Andern sind nicht .... wie Ihr! ich habe die kurze Zeit seit gestern schon viel geduldet von den Menschen» ich fand Niemanden, der mir ein kleines Zimmerchen vermiethet hätte, ich fand in meiner Vaterstadt kein Dach, mein müdes Haupt des NachtS darunter zu legen, verflossene Nacht, die erste Nacht des schönen SchowuoSfesteS habe ich ... . einige Stunden auf dem alten schönen Friedhof geschlafen .... Wilhelmine. mein edles Herz, ich feh' es an den Thränen, die Dir in die schönen Augen treten, es thut Dir weh, daß es so ist — und ich habe bei Gott nicht die Absicht Dir weh zu thun, das hast Du nicht um mich verdient, — aber gelt Muhme Kele. es mußte doch gesagt werden .... ich weiß es. Du liebst mich und Du würdest mir und Deiner Liebe schwere Opfer %

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.