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Der Israelit · 1878-07-31 · Heft 31 (31.7.1878) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 31 (31.7.1878)
Date
1878-07-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
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764 -ringen; — aber ich weiß eS, wie die Sachen jetzt stehen, wird es mir nicht möglich werden, mir eine menschenwürdige Existenz zu erringen .... wenn Gott nicht ein Wunder thut, muß ich ewig der Paria bleiben.... Es fällt mir endlos schwer, Dir*s zu sagen; aber meine Ehre, — meine innere Ehre will ich sagen — weine Pflicht als Mensch und Mann und Jude — meine Liebe zu Dir.zwingt mich Dirs zu sagen .... ich danke Dir für die Worte, die Du gesprochen, ich danke Dir für Deine edle Liebe — aber Wilhelmine — trennen müssen wir uns doch! — was sollte aus uns werden?! „Das will ich Dir sagen Simon!- rief Kele, „sv's Gott beliebt Mann und Frau!" „Ja, Mann und Frau!" wiederholte Wilhelmine eifrig und zuversichtlich, aber schon in der nächsten Sekunde überfluthete Purpurröthe ihr Gesicht. „Mir wär*s das höchste Glück!" sprach Neding dumpf; „aber ich bin ein vervehmtcr Mann, ich finde keinen Dienst und keine Arbeit, — und ich bin auch ein armer Mann! ich kann mich selbst nicht ernähren, noch weniger Weib und Kind ...." „Ich werde für Al?e arbeiten!" rief Wilhelmine. „Ich darf das Opfer nicht annehmen, ich darf Dein Schicksal nicht an meines ketten!" „Du mußt ja nicht in Prag bleiben", meinte Kele nachdenklich. „Auch dazu bin ich leider veruriheilt", entgegnete Reding traurig „ein entlassener Sträfling darf seinen Heiwathsort nicht verlassen und steht unter polizeilicher Aufsicht." „Geliebter Freund, ich lasse Dich nicht, Du warst mein Verlobter, bist mein Verlobter .... Du mußt mein Gatte werden!" Reding blickte düster zu Boden, seine Brust hob und senkte sich vor innerer Bewegung. „Ein entlassener Sträfling erhält keinen Rischojon53) ciifb wenn er Familiant ist." „Dann sind wir sehr .... sehr unglücklich!" seufzte Wilhcmine. Es entstand wieder eine tiefe Stille; plötzlich erhob sich Kele, küßte die Thränen von Wilhelminens Wangen weg, und sagte, während die gewaltsam unterdrückte Rührung in ihrem ganz vergilbten und verwitterten, aber durch den Ausdruck höchster Menschengüte veredelten Gesichte zuckte. „An Eines Kinder! vergeht Ihr, .... daß Gott der Allmächtige helfen kann .... Ich glaub* 53) So nannte man damals beim Juden die Ehebewilligung, die jeder böhmische Jude, auch wenn er ein Erstgeborener, daher hrirathsberechtigt war, zur Eheschließung erlangen mußte. Dir*S armer Simon, wer soviel und unverschuldet gelitten, wie Du — der hat es vielleicht verlernt zu hoffen.der Mensch mit seinem kurze» Verstände pflegt in solchen Fällen oft zu denken, halte Gott helfen wollen — so hätte ex das schon früher gethan — hätte mich nicht so tief sinken lassen — aber Simon, das verstehen wir Menschen eben nicht .... Gott hilft oft nach vielem schweren Unglück, er kann immer zu jeder Zeit einen rettenden Engel senden und Böses plötzlich zu Gutem wenden, weißt Du nicht wie es in den Jkorim^) heißt: affillo schehismamea im kol se achake lo bechol jom schejowo33) — und wein Mann olof hascholom33) pflegte oft zu sagen, der Talmud behauptet, seit der Tempel zu Jerusalem zerstört ist, ist die Prophetengabe nur noch Kindern und Narren verliehen57), nun dann darf die alle Kele Liblitz auch prophezeien und so sage ich Dir, Simon Reding, Deine Unschuld wird an den Tag kommen und Ihr Beide werdet noch recht, recht glücklich werden — aber der Mensch darf nicht die Hände unthätig in den Schooß legen, er muß thun was er kann, — ich freilich bin eine alte Frau und kann nicht viel thun — aber ich weiß schon was ich thu*, ich gehe zu unserm Rösch Bes-din^) zu Rabbi Michael Bacharach, der ist wie ein Malach elockim33), der weiß für Alles Rath, und der hat schon manchem Unglücklichen geholfen.... Ich wiederhole es .... ich weiß nicht, in welcher Art Gott helfen wird; aber ich bin überzeugt, er wird helfen!" «Ich glaub* Dir, Muhme!" sagte Wilhelmine andächtig und küßte die Hand der Greisin. Kele wandte sich nun an Reding. „Du darfst den Muth nicht sinken lassen, Du Armer, Schwergeprüfter! .... ich bin selbst eine arme alte Frau, die ohne Wilhelminens liebevolle, großmü- Ihige Unterstützung ihr Brod vor fremder Leute Thüren erbetteln müßte — aber ich kann Dir doch einen guten Rath ertheilen. — Du sagst. Du hast keine Wohnung und fürchtest» Dir ' nicht Dein Brod verdienen zu können, für beides wüßte ich vielleicht ein Mittel, im zweiten Stocke dieses Hanfes wohnt ein alter kranker, kinderloser Mann, er kennt mich lange Zeit, er war ein Freund meines seligen Mannes, er wohnt allein, der wird Dir gewiß, wenn ich Dich empfehle, für billigen Preis den Mitgenuß des kleinen Zimmers, das 54) Glaubensartikel. 55) Wenn er auch zögert, fo erwarte ich ihn doch alltäglich, daß er komme. 56) Friede auf ihn. 57) Lada bathra. 58) Chef des Rabbinerkollegiums. 59) Engel GotteS.

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