Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1878)
- Date
- 1878-07-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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762 Es war wieder eine jener sich oft wiederholenden Pausen eingetreten. Ueber Wilhelminens Wangen flössen nun unaufhaltsam die Thränen und die gutmüthige alte Kele schluchzte in ihr Taschentuch hinein. Neding aber erhob sich, von gewaltiger innerer Bewegung übermannt, und schritt einigemal im Zimmer auf und ab. „Aber lieber Simon!" srug Kele Liblitz endlich und ihre Stimme zitterte noch immer vor unterdrücktem Weinen „weshalb hast Du denn das unglückselige Mißverstäudniß nicht aufgeklärt? ' „Ein unglückseliges Mißverständnis, fürwahr!" wiederholte Reding, tief aufathmend, „aber bedenkt es nur, die kaiserlichen Aemtec stehen ja untereinander in Verbindung, ich konnte ja nicht sagen, was und weshalb ich es verbrannt hatte — sonst hätte daS Gericht es der Steuerbehörde angezeigt arnb man hätte das hinterlassene Vermögen confiscirt." „Das war zu viel, viel zu viel!" schrie Kele vor Aufregung so laut, daß Wilhelmine erstaunt aufblickte. „Das zu thun warst Du nicht verpflichtet!' „Sie fassen das unrichtig auf, Muhme," entgegnete Reding, „ich will mich nicht besser machen als ich bin, hätte ich geahnt, daß sich mein Schicksal so wenden könnte, ich hätte Alles offen erklärt, ich hätte wohl auch eine Strafe erlitten, aber sie wäre erträglich, nicht menschenunwürdig gewesen — aber ich konnte das nicht ahnen! . . . . Bor Allem erwartete ich, daß sich das vermißte Geldpacket in kurzer Zeit vorfinden würde, dann wußtet Ihr das doch der Strasbehörde anzeigen, dann hoffte ich, daß Dein Bruder Markus bei der Durchsicht der hinterlassenen Papiere seines Vaters die verbrannten Empfangsbestätigungen vermissen würde, endlich hatte ich mit verzehrender Sehnsucht darauf gehofft mit Markus confrontirt zu werden, mit einem Worte hoffte ich ihm die Wahrheit klar zu machen; — aber Alles das unterblieb, ich bekam keinen Zeugen, keinen Menschen zu Gesichte, — und so wiederholte ich in mehreren Verhören, ich hätte kein Geld verbrannt, aber ich könne nicht angeben, was es sei; — das erbitterte den Untersuchungsrichter — endlich, es waren schon mehrere Monate verflossen, ich blieb ganz abgeschlossen von der Außenwelt, — und ich wollte jetzt, wo Alles für mich verloren schien, die Wahrheit gestehen, — auch konnte jetzt durch daS Geständniß kein Schaden erwachsen. Wenn Chef Reb Zodok todt war, konnte er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, — Markus Erdmann hatte für das, was sein Vater gethan, nicht einzustehen — eine Vermögens-Konfiskation war nicht mehr zu besorgen, denn ich mußte nun in der That annehmen, daß das Geldpacket in unbegreiflicher Weise verschwunden; — aber zu meinem Entsetzen mußte ich erkennen, daß es nunmehr für mich zu spät war. — Als ich erklärte, ich wollte angeben, was für Schriften ich verbrannt hätte, fuhr der Criminalrath wüthend auf. lachte mir höhnisch ins Gesicht, und frug mich, ob ich glaube, er würde sich von mir ein Märchen, an dessen Erfindung ich Monate lang stadirte, aufbinden lassen; wenn die mich von dem Diebstahl reinwaschende Erklärung eine wahre wäre, so hätte ich sie bestimmt sofort beim ersten Verhöre zu Protokoll gegeben, er sei das ewige Herumziehen mit mir schon müde, ich solle gestehen, läugnen würde mir nichts helfen, würde meine böse Lage nur noch verschlimmern, er habe Mittel mir die Zunge zu lösen." — Reding hielt einen Moment inne, wieder stieg eine tiefe Pupurröthe in seinem Gesichte auf. Der Criminalrath hatte Recht, er besitzt ein Mittel, das jeden Menschen, der ein Fünkchen Ehrgefühl besitzt, zum Sprechen bringt." Redings Stimme schwankte. Die Tortur wurde in Oesterreich abgeschafft — aber nicht die Stockprügel. Der Untersuchungsrichter hat das Recht den Juculpat n. der sich störrig zeigt, oder offenbar erlogene Behauptungen aufstellt, mit Stockschlägen zu züchtigen; — versteht mich wohl, er darf ihn bei Leibe nicht schlagen lassen, um ein Geständniß von ihm zu erpressen, nur den störrigen, dreisten Deliquenten, den darf er züchtigen lassen — dem Herrn Rath erschien ich als ei» solcher störrischer dreister Deliquent; — und er drohte nur — mit Prügel . ... die Bank wurde hereingeholt. — es gibt eine gewisse Grenze, die unüberschreitbar ist — einer körperlichen Schmach wollte ich mich nicht aussetzen. eine tatsächliche Mißhandlung nicht erdulden, mir fiel ein wunderbar schöner, auf tiefe Menfchenkenntniß beruhender Spruch des Talmuds ein, der von den drei Jünglingen, die sich in den feurigen Kalkofen werfen ließen und mit qualvollem Tode ihre Glaubenstreue besigelten, sagt: Jle mole nogduhu polcho le zalmo^), zu Deutsch: Hätte man sie geprügelt, mißhandelt und gefoltert, so hätten sie, sich vielleicht vor den Götzen gebeugt.ich wollte mich nicht schlagen lassen, ärger als ein wildes Thier, das man nicht so systematisch schlägt — bevor ich das erduldet, hätte ich mir wie die Ungarsklaven zu thun pflegen, durch Verschlucken der eigenen Zunge den Tod gegeben, — mir blieb keine andere Wahl, — ich gestand Alles, was man von mir verlangte — aber auch das falsche Geständniß kam für mich zu spät, beim ersten Verhöre abge- 52) Lesubvtb k. 33.