Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1878)
- Date
- 1878-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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755 KSttigSberg in Preußen. Wie der „K. H. Z." aus Sensburg geschrieben wird, erklärte der im dortigen Wahlkreise aufgestellte conservative Candidat, Baron v. Mirbach-Sorquitten, in seiner Wahlrede wörtlich: „Juden, Kaufleute und Halsabschneider sind der Ruin der Landwirthschaft." Zu diesem geflügelten Wort einen Commentar zu geben, ist wohl überflüssig. Posen, im Juli. Es wäre ein Trugschluß, wenn man ans dem Stillschweigen, das über die hiesige Gemeinde herrscht, auf die gesunden Zustande in derselben schließen wollte. Nein! Eine zu optimistische Auffassung wäre hier nicht am Platze, denn auch hier macht leider die Irreligiosität oder, was noch schlimmer ist, der Jndifferentismus große Fortschritte; aus vielen Familien, deren Vorfahren und Häupter einst 'n \x-p waren, schwindet die Religiosität mehr und mehr und man trägt dem Zeitgeiste oder dem Weltlauf, wie es ja ein beliebtes Wort, allzuviel Rechnung. Freilich ein großer, wir wollen annehmen, der größte Theil der Gemeinde hängt noch dem orthodoxen Judenthum an; wer aber, wie ein sorglicher Hausvater, sich nicht damit begnügt, von der Hand in den Mund zu leben, sondern für die Zukunft bedacht ist, muß leider nur schwarz sehen, denn die Heranwachsende Generation verspricht wenig Gutes. Zwar wird für Unterricht genügend gesorgt, denn die seit mehreren Jahren gegründete Religionsschule, so wie die reorganisirte Talmud-Schule für Kinder unbemittelter Familien bieten Gelegenheit genug zu religiöser Ausbildung der Jugend und da sie pflichtgetreu geleitet und gepflegt werden, so leisten sie auch Gutes. Es „fehlt leider nur das geistige Band", das die Eltern an den Religionsunterricht bindet. Diese betrachten den Religionsunterricht, wenn nicht geradezu als etwas Üeberflüssiges, das man sobald als möglich über Bord werfen möchte, doch immerhin als Nebensächliches. Sie werden wohl schmerzlich aufgeregt, wenn der Sohn oder die Tochter in der Classe nicht versetzt wird oder eine unbefriedigende Schularbeit geliefert hat; die Erfolge des Religionsunterrichts aber lassen sie „kühl bis an's Herz hinan." Dies erklärt auch den Umstand, daß die Religionsschule nicht so zahlreich und allgemein besucht wird, wie man es hätte erwarten sollen. Hierzu kommt noch, daß das Kind im elterlichen Haufe keineswegs ein durchweg rituelles Leben vor Augen steht. Von nnrj?3 tp"p ,'"dj n"3 ,p.un ro-o 'spio hd’n erfährt das Kind so gut wie nichts, selbst nmo Dnj/Di wird häufig compenfirt und in dieser Beziehung das 'wi.ijo: dj/3 3w gar zu ausgedehnt in'S Practische übersetzt. Die Bemühungen der Schule gegenüber solchen häuslichen Zuständen bleiben eine wahre Sisyphusarbeit. Es ist hier die Rede von frommen Häusern, bei andern hört überhaupt die Critik auf. Was soll man ferner dazu sagen, daß so mancher für religiös geltende Vater trotz der von den Schuldirektoren bewilligten Dispensation vom Schulbesuche an Festtagen keinen oder nur theilweisen Gebrauch von derselben macht. Endlich aber, was das Schlimmste ist, gilt auch bei religiösen Familien, bei der Wahl des Berufes für Söhne, bei der Wahl eines Gatten für Töchter die Religion als kein Factor mehr. Wenn sonst alle Chancen günstig sind, wird das sich regende religiöse Gewissen allenfalls mit einem Seufzer züm Schweigen gebracht. So sind hier bereits mehrere jüdische Referendarien beschäftigt, die am Sabbat ihrem Dienste obliegen und nach erledigtem Amtsgeschäfte mit der Ruhe eines guten Gewissens zu ihren frommen Eltern zurückkehren. Viele junge Leute aus religiösen Familien sind auch bereits in auswärtigen Anstellungen und Geschäften, in denen der Sabbat gar nicht, wohl aber der Sonntag beachtet wird; sie besuchen öfters ihre frommen Eltern, von denen sie, wir billig mit offenen Armen ausgenommen werden. Warum sollten sie auch nicht? Die Eltern haben ihre Kinder auf diesen Weg gestellt und sind nicht mehr berechtigt, ihnen Vorstellungen zu machen, wozu sie sich, offen gesagt, auch nicht einmal versucht fühlen. Es wäre dies Jnconsequenz und — noch etwas Aergeres — es wäre Intoleranz. Offenbar schaden derartige „Frommen" hierdurch dem Judenthum mehr, als die Irreligiösen sans phrase und es bleibt leider auch hierbei wahr: -pn'-inai -po-ino “]QO. Es heißt freilich in sein eigenes Fleisch schneiden, wenn man derartiae Zustande so rückhaltslos schildert, aber difficile est, satiram non seibere und das Todtschweigen nützt ja immerhin nichts. Freilich gibt es noch Ausnahmen, aber eben, daß es Ausnahmen find, ist betrübend, zumal in hiesiger Stadt, die als *?4**^3 o»i seit Jahrhunderten galt und noch jetzt als Centralpunkt jüdischen Lebens gilt. In jeder anderen Beziehung behauptet die hiesige jüdi,che Gemeinde ihren hervorragenden Standpunkt. Sie hat erst vor Kurzem ein fast elegant und zweckentsprechend eingerichtetes Schlachthaus für msiy 5>v'N§ mit großen «kosten gebaut, ist jetzt im Bau eines geräumigen Leichenhauses b griffen und werden alle Gemeinde Institutionen mit fester Hand geleitet und namentlich die religiösen Einrichtungen gewissenhaft beaufsichtigt. Namentlich wird hinsichtlich der novup, dem nnw auf nDs die nmrcn mit größter Energie und Sorgfalt gehandhadt.