Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-07-31 · Heft 31 (31.7.1878) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 31 (31.7.1878)
Date
1878-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447778--15187-2471126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aeiluirg-rrachrichle» & Gorrefpoudenzeu. Deutschland. Berlin 26. Juli. Der christlich'sociale Spuk hat nun auch die Augen der Polizeibehörde auf sich gelenkt. Man sollte doch den Schneider Grüneberg, den Stubenmaler Bernsdorff, und wie die geistvollen Vertreter der neuen Partei noch heißen mögen, in ihren Privatvergnügungen nicht stören, und die im voigtländifchen Jargon gehaltenen Reden der Apostel des neuen Glaubens unbehelligt lassen. Denn was macht es schließlich aus. wenn der ci-devant Schneidergeselle Grüneberg nachweist, daß die Juden an allem Unglück schuld sind und schon bei der Schlacht von Jena durch ihre Durchstechereien das Vaterland an den Abgrund gebracht haben. Die ganze christlich - sociale Bewegung wäre wirklich mit Humor und Gelächter zu begleiten , hatte man es nur mit Herrn Grüneberg und Genossen zu thun, die mit ihrem Ulk die Berliner amüsiren. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß der eigentliche Leiter dieser christlich-socialen Partei Herr Hofprediger Stoeker ist, der sich des besonderen Beifalls seiner Amtsgenossen, der Herren Koegel, Hengstenberg und Baur zu erfreuen hat. Ferner muß daran erinnert werden, daß bei Begründung der christlich-socialen Partei nicht nur ein Theil der Hofparter, sondern auch die cvnservative Presse einen Jubelhhmnns darüber anstimmte, wie außerordentlichen Muth Herr Stoecker an den Tag lege, indem er zu den Arbeiterklassen heruntersteige, um dieselben durch Einkehr und Buße auf den richtigen Pfad der Tugend zurückzufüvren und die Arbeiter zu ordentlichen Staatsbürgern heranzubilden. War es doch das offiziöse Blatt der Negierung, die „Nordd. Allg. Ztg.", welche die christlich-sociale Bewegung mit Freuden begrüßt, gar nicht zu reden von der „Kreuzzlg.", die diesen Standpunkt seit einer Generation mit Consequenz vertritt. Auch dem Anhang mit welchem sich Herr Stoeker umgab, den Grüneberg und Genossen. wurden Lo^escensuren ausgestellt, denselben Leuten, die doch.vor kurzer Frist im Generalstabe der social-demokratischen Partei Dienste thaten und zu den erragirtesten Soc«aldemokraten gehörten. Man hat diese Leute jetzt mit einem Male zu Märtyrern gestempelt, indem die Polizei wiederholt ihre „Versammlungen" aufgelöst hat. Warum haben denn aber die polizeilichen Organe nicht dasselbe gethan, als vor wenigen Jrhren Herr Stoecker die bekannte Judenhrtze inscenirie, als er seinem College« Grüneberg nichts nachgebend, die Juden für die Schlechtigkeiten der Neuzeit verantwortlich machte und quasi die Regierung zu einem Ausnahmegesetze gegen die Juden aufforderte? So ist denn Herr Hofprediger Stoecker auch der eigentliche Begründer und Leiter des feit dem 1. Juli hier erscheinenden Organs der christlich-socialen Partei, der „Deutschen Volksmacht", dessen Hrtzsprache deshalb wenig gefährlich ist, weil das Blatt gar zu albern und dumm redigirt wird. Jedenfalls ist eS aber bezeichnend , daß derlei Sachen unter der Aegide eines Hofprediqers in der Residenzstadt öffentlich betrieben werden. Heute wird nun der Herr Hofprediger seine Candidatenrede im sechsten Wahlbezirke halten, und dort die Stimmen eines TheilS der Conservativen erhalten. Uebrigens dürfte diese christlich-sociale Bewegung hier keinen fruchtbaren Boden finden und so plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht ist. Berlin, 25. Juli. Gestern wurde eine christlich - sociale Arbeiterversammlung während einer wüsten Hetzrede des Schneiders Grüneberg wider Jvdenthum und Juden polizeilich aufgelöst. Das Einschreiten des überwachenden Polizeibeamten erfolgte in dem Momente, als Grüneberg die Juden im Verein mit den Liberalen als Verderber von Religion und Sittlichkeit, als Hochverräther und Fürsprecher der Meuchelmörder dezeichnete. Einem der Anwesenden in der Versammlung, welcher heute persönlich dem Staatsanwalt Tessendorf Mittheilung von diesen Vorgängen machte, erwiderte derselbe, daß er nach Eingabe der schriftlichen Denunciation keinen Anstand nehmen werde, auf Grund des § 130 des Strafgesetzbuches (Aufreizung verschiedener Bevölkerunasklassen zu Gewaltthätigkeiten gegen einander) die Anklage gegen Grüneberg zu erheben. Berlin. Der Gemeindekirchenrath und die Gemeindevertretung von Sankt Nazareth haben an den Prediger der Nazarethkirche, den bekannten Diestelkamp, ein herbes Tadelsvotum wegen seiner Betheiligung an der christlich - socialen Agitation gerichtet und ihn sogleich aufgefordert, sich in Zukunft solcher Agitationen zu enthalten und in diesem Sinne der Klrchenvertretung bindende Erklärungen zu geben. Als zweiten tadelswerthen Punkt in der Amtsführung des Herrn Diepelkamp rügt die Gemeindevertretung, daß er als Redakteur des „Friedensboten von Nazareth" gegen die jüdischen Bewohner der Gemeinde wie überhaupt Berlins einen so tendenziösen gehässigen Ton angeschlagen habe und auch nach dieser Richtung wird die bestimmte Erwartung einer Aenderung ausgesprochen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.