Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1878)
- Date
- 1878-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Deine Religion aber, o König, ist Dir besser, da sie die herrschende ist. — Ich habe nicht, entgegnete der König, nach der Zweckmäßigkeit gefragt; ich will vielmehr wissen, welche Religion an und für sich die bessere ist. — Der Weise verlangte drei Tage Bedenkzeit, und der König gewährte die Frist. Nach drei Tagen kam der Jude vor den König, betrübt und niedergeschlagen. — Warum bist Du so betrübt? fragte der König. — Man hat mich unschuldig.gekränkt, antwortete der Weise. Mein Nachbar ist verreist und hat jedem seiner beiden Söhne einen kostbaren Edelstein zurückgelassen. Nun kamen die beiden Sohne zu mir und verlangten, ich solle ihnen die Steine schätzen und sagen, welcher vor den andern den Vorzug verdiene. Ich aber sprach: Wer kann Euch bessere Auskunft geben als Euer Vater, der ein großer Künstler, ein Kenner der Edelsteine, ihrer Form und Fassung ist? Schicket zu ihm; er möge Euch die Wahrheit sagen. Wegen dieser Antwort haben sie mich geschlagen und beschimpft. — Sie haben Dir Unrecht gethan, sprach der König, und verdienen bestraft zu werden. — Da sprach der Weise: So mögen doch Deine Ohren vernehmen, o König, was Dein Mund spricht. Siehe, Esaw und Jakob waren Brüder, und jedem von ihnen ist ein Stein gegeben worden; da nun mein König wissen will, welcher von beiden der bessere ist, so möge der König einen Boten schicken an unfern Vater im Himmel, der da ist der große Juwelier (lapidario), und Er möge sagen, welcher Stein den Vorzug verdient. — Und der König sprach: Siehst Du, Nicolao, wie klug und weise dieser Mann ist? Du aber verdienst beuraft zu werden, weil Du die Juden verleumdet hast. Jeder Kundige erkennt, daß diese hübsche Erzählung das Original ist, aus welchem Boccacio's Phantasie die vor Saladin sich abspielende Geschichte gestaltete. Um wie viel schöner und zutreffender ist das Original als das Gebilde des Dichters! In der Erzählung des Boccaeio betrügt der Vater die Söhne, indem er dem echten Ringe zwei unechte beimischt; Lessing geht noch einen Schritt weiter und läßt den Richter, der entscheiden soll, die Vermuthung aussprechen, daß der echte Ring verloren worden — und daß die drei Ringe sämmtlich gefälschte seien. — Daran erkennen wir, daß es ein Nichtjude ist, der einen Juden so sprechen läßt. Kein echter Jude hätte so gesprochen , selbst nicht, um sich vor drohender Gefahr zu schützen. (Fortsetzung folgt.) 752 Zum 9. Ub. Bei der unendlich hohen Bedeutung für die Bekenner der monotheistischen Religionen, bei der außerordentlichen Würde und Erhabenheit, die unter den wahrhaften Israeliten mit dem Namen Jerusalems für alle Zeiten verknüpft ist, scheint es besonders in der gegenwärtigen Zeit, wo wir trauererfüllt das Andenken der heiligen Stadt feiern, nicht überflüssig, in einer kurzen Abhandlung, wenn auch nur referirend, uns die Lage der Stadt und ihre Zustände zu Orrgegenwärtigen, wie sie die historischen Berichterstatter zur Zeit ihrer Zerstörung vorfanden. Denn in der Erinnerung an die Vergangenheit liegt ja ein wesentliches Moment für die Erhaltung aller jener jüdischen Institutionen, welche die Hauptstützen des jüdischen Lebens bilden und die Kette unverkürzt fortsetzen, die uns mit unfern Vorfahren auf's Innigste verknüpfen. Daß das Golus, in das wir seit Jahrtausenden durch die allgerechte göttliche Vorsehung getrieben wurden, noch nicht aufgehört, daß wir auch heute noch keinen Grund haben, — auch wenn wir es dürften — jene Erinnerung an den Untergang des heiligen Tempels und mit ihm unserer nationalen Selbstständigkeit aufzugeben, das führen uns all' die Feindseligkeiten und Gehässigkeiten vor die Seele, denen wir selbst im aufgeklärtesten Staate des aufgeklärtesten 19. Jahrhunderts noch ausgesetzt sind. Wir möchten deßhalb hier eine Schilderung folgen lassen, die Josephus (jüd. Könige Buch 27, Cap. 9, § 1, 2, 3) von der Stätte nach der Zerstörung durch Titus gibt: „Als Titus einzog, bewunderte er unter Anderm die Stärke der Stadt und ihrer Thürme, welche die Herrscher aus Unverstand verlassen hatten. Als er ihre außerordentliche Höhe, die Größe eines jeden Felsens, die Sorgfalt in der Harmonie, ihre Breite und Ausdehnung sah, rief er aus: „Mit Gottes Hilfe haben wir gekämpft, und Gott war es, der die Juden dieser Bollwerke beraubte, da Menschenhände und Maschinen gegen diese Thürme Nichts ausgerichtet hätten." Sodann äußerte er sich vielfach in dieser Weise gegen seine Freunde, die Gefangenen des Beherrschers aber, die in den Festungen gefangen worden waren, entließ er. Und während er den einen Theil der Stadt zerstörte und die Mauern niederriß, ließ er diese Thürme stehen als Erinnerung an sein Glück, mit dessen Hilfe er dies Uneinnehmbaren sich bemächtigt hätte. Als aber die Soldaten vom Morden ermüdet waren, und noch eine große Menge übrig geblieben war, befahl der Kaiser, die Bewaffneten und Widerstand