Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1878)
- Date
- 1878-07-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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733 « Hand über die Stirne streichend, nach kurzer Pause fort: „Ihr wißt es Beide, wie ein mir bis heute unergründliches Begebniß mich in den Verdacht eines Diebstahls unter erschwerenden Umständen gebracht, und es mir nicht möglich geworden, diesen vor den Richtern zu entkräften, und doch hätte jeder denkende Mensch, der nicht bloß mit blödem Auge die Aeußerlichkeit der Verhältnisse, das zufällige Aneinanderreihen nackter Thatsachen, der mit geistigem Auge deren innerm Zusammenhang «achspürt .... die Tollheit der Anklage erkennen müssen." Reding lachte bitter auf, „es war ja zu toll, als daß es ein mit Vernunft begabtes Wesen glauben konnte, ich — Simon Reding, ehrlicher Eltern Sohn, — würde meinen zukünftigen Schwiegervater, den Vater meiner theuern Wilhel- Mine. meinen Wohlthäter, der mich als vaterlosen Knaben in sein Haus ausgenommen, mich unterrichten ließ, mir später ein schönes Gehalt gab, daß ich mein Mütterchen anständig erhalten konnte, der mir sein Kind, sein Juwel, Wilhelmine zum Weibe geben wollte, daß ich den Mann bestohlen hätte! — Da wäre ich ja mehr als ein Dieb, — weniger als der schlechteste der Schlechten gewesen! oh! eS war heller Blödsinn, das zu glauben! — aber — man glaubte es doch! — Wenn sich die hochgelahrten Richter die Mühe hätten nehmen wollen, ein klein wenig darüber nachzudenken, so hätten sie es ja richtig herausfinden müssen, daß der Verdacht — Wahnsinn war! Was hätte ich Mt dem gestohlenen Gelde beginnen sollen? Wilhelmine und mein Schwager Markus, mit dem ich ja des Vaters Geschäft gemeinschaftlich übernehmen sollte, hätten das ja sofort erkennen müssen — Alles, was ich unternommen hätte, wäre ja offen vor ihnen gelegen!" Kele hatte während Redings längerer Rede wieder ihre Fassung erlangt, sie nahm sich vor, sich nicht von ihrem Herzen allein leiten zu lassen, auch ihr Verstand sollte eine entschiedene Stimme bei RedingS Beurtheilung haben, und da Wilhelmine nun Niemanden auf der Welt hatte als sie, wollte sie jetzt, wo eS ihr doch eher möglich schien, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, diese nach Möglichkeit ergründen, und sie war nun fest entschlossen, auf die Gefahr hin, Reding zu verletzen, so weit es ihr möglich war, jede Unklarheit zu erhellen; es galt Wilhelminens Wohl, und das zu schützen, war der einzige Lebenszweck, der ihr geblieben. „Ja .... Simon! — das ist nicht ganz richtig so ... . nimm wir'S nicht übel — ich habe es nicht geglaubt, — aber die Andern glaubten, daß Du es nicht Deinem zukünftigen Schwiegervater .... nehmen wolltest, .... man meinte nur.... nach seinem Tode . . . „Muhme!" entgegnete Reding, „wer mich nicht gekannt hat, konnte eben Alles glauben; — aber wer mich gekannt und behauptet hat. daß ich, während man meinen Wohlthäter mit zerschmetterter Brust in's Haus brachte, — sein Geld gestohlen, — der verdient wenigstens einen solchen Tug zu durchleben, — wie ich seit jenem tausende verlebt!" Wieder mußte Reding eine Pause machen. „Ich habe es schon gesagt," fuhr er dann fort, „es wurde mir nicht möglich, mich von dem Verdachte zu reinigen, die Richter waren von meiner Schuld überzeugt, — und die Umstände schienen — oberflächlich betrachtet — gegen mich zu sprechen, — bas Verschwinden des Packeis, nachdem ich der letzte gewesen, der es gesehen, — und daß ich, als ich dir Commission eintreten sah, Papier in's Feuer warf" „Und was waren das für Papiere?" „Das bedarf einer längern Auseinandersetzung, dann aber werden Sie. Muhme, eS auch vollkommen begreifen, und was ich gethan, auch billigen. Mein würdiger Chef hatte für diesen Tag eine Vorladung zur Steuerbehörde erhalten, er verheimlichte dies vor Dir, Wilhelmine, weil er Dich nicht beunruhigen wollte; eine Vorladung zur Steuerdirection versetzte auch den Muthigsten in Schrecken. Reb Zodok Erdmann sprach noch am Abend vorher mit mir eingehend über die Sache, glaubte, daß er, da er sich hoch fatirt hatte, die Vorladung nur einem Denuncianten zu danken habe. Er belehrte mich auch darüber, wie die Steuerdirection vorzugehen pflege, und wie man sich dagegen zu schützen versuche. Zuerst hatte die Behörde sehr oft von Kaufleuten die Vorlage der Handelsbücher gefordert und es war ihr in früherer Zeit auch gelungen, das Vermögen einiger reicher Männer zu confisciren. Eine richtige Vermögensangabe ist aber bei einem so enormen Steuersätze vollkommen unmöglich, und die Kaufleute mußten ein Mittel ersinnen, auch in ihren Büchern ihr Vermögen in irgend einer Weise zu maskiren, und geschieht dies dadurch, daß man in den Hauptbüchern achtbare ausländische Firmen als Gläubiger anführt. Diese, denen man volles Vertrauen schenken kann, werden hiervon verständigt"); um aber ganz sicher zu sein, geben diese eine schriftliche Erklärung, daß sie die Summe, mit der sie als Gläubiger in den Handelsbüchern des Betreffenden erscheinen, schon richtig erhalten haben. Auch Reb Zodok Erdmann war, wie alle Andern, gezwungen 51) That.'achen.