Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1878)
- Date
- 1878-07-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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787 * Aeilung-rrachrichle« & Gorrespondeuze«. Deutschland. Mergentheim. Herr Moses Jfri ist nicht mehr; denn Gott hat ihn zu sich genommen. Am 22. Siwan hauchte er seine edle und reine Seele aus. Wer diesen Edlen in seinem Leben kennen gelernt hatte, kann beurtheilen, welchen Verlust wir erlitten. Uneigennützig und rechtlich im Geschaftsleben, sanft und milde in seinem Familienkreise und im Umgang mit seinen Mitmenschen, war er wirklich eine Zierde unsrer Gemeinde zu nennen. Nicht nur seine Gemeindegenossen, auch viele seiner Freunde und Bekannten in nahen und fernen Kreisen beweinen in ihm den Verlnst einer festen Säule und Stützt seines Volkes. Von seinen Eltern wnrde er zum Studium der Thora erzogen, und erlangte er schon frühzeitig, durch seine großen Anlagen, den Namen und Ruf eines tüchtigen po!\ Gegenüber seinem reichlichen Wissen auf dem Gebiete der min, war er auch in der profanen Wissenschaft nicht unerfahren und galt er bei seinen Mitbürgern als wissenschaftlich gebildeter Mann. Bei seiner großen Bescheidenheit wollte er nie für das gelten, was er in Wirklichkeit war; still und zurückgezogen im Kreise seiner Familie Pch mit dem Studium des Gotteswortes beschäftigend, suchte und fand er nur in demselben Trost und Befriedigung und selbst bei seinem siechen Körper, war er bestrebt mit Anderen zu lernen. Auch np-ufi non md'm msou war er nicht minder thätig. Nicht nur war er stets bereit zu geben, auch Andere suchte er zu veranlassen, und in diesem Sinne bei Andern einzuwirken, scheute er keine Mühe. Kam eine Aufruf zur Unterstützung unsrer Glaubensbrüder in p« oder andern Ländern , so unterzog er sich mit freudigem Herzen der Mühe, eine Collecte zu veranlassen, wie auch vielfach die Spendelisten dieses geschätzten Blattes es aufweifen. n^Wn. ub rvao Feuilleton. Simon Keding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von $• Rohn. (Verfasser von „Gabriel") (Fortsetzung.) Ehe es Kele Liblitz zu hindern vermochte, hatte Reding ihre verwelkte, zitternde Hand ergriffen und an seine Lippen gedrückt. „Ich danke Ihnen, Muhme, für Ihren warmen, herzlichen Empfang.... Möge Gott, der Allmächtige, Ihnen diese schönen Worte lohnen! — aber doch stört Eines mir die volle Freude! — Sie kannten mich schon als Knaben, von meinem zwölften Jahre an war ich ja in meines würdigen Chefs, in Reb Zodok Erdmann's Haufe, . . . Sie hatten mich ja stets Du genannt — und ich Sie Muhme Kele .... und" — RedingS Brust hob und senkte sich in tiefen Athemstößen und er konnte vor Bewegung jetzt nur langsam sprechen — „bei dem allmächtigen Gotte! ich bin Ihres Du's nicht unwerth worden!" „Ich weiß es, .... ich weiß es!" rief Kele und Thränen der Rührung entstürzten ihren Augen, und in dem Momente war all' ihr Mißtrauen bis auf die letzte Spur verfchwundeu, war sie so innig von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Reding unschuldig sei, daß sie es mit dem höchsten Eide besiegelt hätte. Diese Züge gehörten keinem Dieben, diese Sprache und Haltung war nicht jene eines Verbrechers! „So setz' Dich!" rief Muhme Kele jetzt und schob ihm eifrig einen Stuhl näher, „Du Armer J" Kele streichelte ihm, wie man es kleinen Kindern zu thun pflegt, das Haar aus der hohen Stirne, „Du hast Vieles verändert gefunden, seitdem Du von uns gingst!" Reding athmete tief auf, die Befangenheit, die bei seinem Eintritte mit BergeSlast und erkältend wie gehäufte Eisschollen auf seiner Seele gelegen, war vor der Wärme dieser freundlichem Worte gewichen, der Bann, der seine Seele gefangen hielt, schien gelöst; er sprach: „Ich habe viel, unbeschreiblich viel gelitten und lebte ich noch zehnmal sieben Jahre, ich könnte Euch nicht erzählen, was ich gelitten von dem Momente an, wo ich Euch beide das letzte Mal sah — bis heute am frühen Morgen, wo ich verzweifelter als je — Dich, Wilhelmine, wiederfand und Du mit einem Worte — o! möge Dir Gott dies eine schöne Wort lohnen — mich aus tiefstem Elende hervorhobst! ..." Reding hatte seit einer Reihe von Jahren, die sonst den schönsten, besten Kern des Menschenlebens bilden, mit keinem ihm geistes- und herzensebenbürtigen Menschen gesprochen; all' sein Fühlen und Denken hatte er in seine tiefgequälte Brust einengen müssen; — jetzt stand er dem Wesen gegenüber, das Einzige, das ihm noch geblieben war auf Erden, und das ihm höher stand als alle andern lebenden Menschen zusammen; — und daS lang gefühlte Bedürfniß, sich auszusprechen, hatte sich bei ihm zum höchsten Grade der Mittheilsamkeit gesteigert, und er fuhr, sich leicht mit der