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Der Israelit · 1878-07-24 · Heft 30 (24.7.1878) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 30 (24.7.1878)
Date
1878-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIX. Jahrgang. Erste Beilage)« Nr. 30 -es Israelit. Leitender Artikel. Lin jüd. Hemeindetag in Halizien. Wien, im Thamus. In Lemberg hat sich dieser Tage ein galizischjüdischer Gemeindetag constituirt, an dem sich allerdings nur kaum V« der ca. 200 jüdischen Gemeinden des Landes, betheiligten, der aber dennoch, wenn auch nicht wegen seiner momentanen Bedeutung, so doch wegen der von ihm angesirebten Ziele, eine Beachtung an dieser Stelle verdient. Der Gemeindetag» welcher zu dem ausgesprochenen Zweck der Verbreitung der Bildung und des Fortschritts unter den jüdischen Gemeinden Galiziens einberufen wurde, verdankt sein Entstehen den agitatorischen Bestrebungen deSLem» berger Vereins Schomer Israel, dessen Beretnsorgan ausführlich über den Gemeindetag berichtete. Man wird also nicht fehl gehen, wenn man da, wo die Bestrebungen des Gemeindetags in nicht genügend präcifirter Tendenz klar hervortreten, den Apfel nach dem Stamm beurtheilt. Am 18. Juni, Vormittags 12 Uhr, wurde von dem Präsidenten des genannten Vereins der Gemeindetag durch eine Rede eröffnet, die hauptsächlich den' hohen Werth eines vereinten organisatorischen Wirkens zum Gegenstand hat. Wenn der Redner dabei sagt, daß er am Besten zu thun glaube, das Bedürfniß und die hohe Bedeutung der Solidarität im allgemeinen und der jüdischen insbesondere, durch Citate aus englischen Classikern darzuthun, so will es uns dagegen scheinen, daß ein Hinweis auf die diesbezüglichen Aussprüche der jüdischen Literatur bei der Gründung eines jüdischen Gemeindetags vielleicht nicht weniger am Platze gewesen wäre. Wir vermissen dieses Moment in allen uns wörtlich vorliegenden, während der drei Tage gehaltenen Reden. Die Bemerkung, daß Rabbi Jochanan ben Sakkai sich von dem römischen Imperator eine Schule erbeten habe, ist das einzige Citat aus dem jüdischen Schriftthum, welches uns bei der gelegentlich der Constituirung des galizisch-jüdischen Gemeindetags gehaltenen Reden begegnet. — Für Diejenigen, welche diese Ausstellung kleinlich finden sollten, räumen wir gerne ein, daß man echt jüdisch, reden, leben und wirken könne, auch ohne seine Worte mit Citaten aus jüdischen Schriften zu spicken. — Aber da das Wohl oder Wehe, welches dem Judenthum in Galizien durch diesen Gemeindetag etwa bevorstehen dürfte, lediglich von der religiösen Richtung derjenigen Persönlichkeiten abhängt, welche an der Spitze des Gemeindetages stehen, diese Richtung aber aus den gehaltenen Reden nicht klar ersichtlich ist, so ist man darauf angewiesen. aus anscheinend absichtslosen Kleinigkeiten, Schlüsse über d n Charakter der leitenden Kreise, des ersten Gemeindetags zu bilden. Offenbart sich doch bei einzelnen Individuen der Charakter am Deutlichsten, nicht in wohlüberlegten, planmäßig vorbereiteten Handlungen, sondern gerade in kleinen bedachtlos zu Tage tretenden Zufälligkeiten; warum sollte diese psychologische Wahrnehmung nicht auch einer geschlossenen Gesellschaft gegenüber ihre Berechtigung haben? Man braucht gegen den Gemeindetag noch nicht die schweren Vorwürfe des Deputirten von Drohobycz zu erheben, auf die der erste Vicepräsident zu erwiedern Veranlassung nehmen mußte, daß das Maskiren. Schleichen, Pamphletiren, u. d. gl. nicht Sache des Gemeindetags sei, aber man muß gestehen, die einzelnen Redner haben trotz ihrer langen Reden es derart meisterhaft verstanden, über ihre Stellung zu den Parteiungen innerhalb der galizischen Judenheit ein so consequentes Schweigen zu bewahren, daß man unwillkürlich genöthigt wird zwischen den Zeilen zu lesen, um das richtig zu würdigen, was sich in den Zeilen befindet. Selbst auf die Gefahr hin. der Kleinigkeitskrämerei geziehen zu werden, drängt es uns daher» hier noch eine Kleinigkeit vorauszuschicken. , Der Alterspräsident bringt S. M. dem Kaiser Franz Joseph 1. ein begeistert aufgenommenes Hoch aus, ein anderer läßt die polnische Nation hoch lebe». Der Gemeindetag votirt ferner der Wiener isr^ Alliance für ihr bekundetes Jntereffe feinen Dank, ebenso dem h galizischen Landesausschusse, dem Lemberger Cultusvorstand, und schließlich dem Vereine „Schomer Israel"; aber der große “idup ist bei a!( diesen Beweisen der Anerkennung und Dankbarkeit vollständig leer ausgegangen; er ist in allen uns vorliegenden Reden auch nicht mit einem Wörtchen gedacht worden. „Daß unser Werk gedeihen werde — mit diesen Worten schließt der Präsident das große dreitägige Redetournier, dafür ist uns Bürgschaft der hohe Schutz unseres — gütigen Monarchen."

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