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Der Israelit · 1878-07-24 · Heft 30 (24.7.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 30 (24.7.1878)
Date
1878-07-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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734 Judenthum fern und starb später als Christ in Colmar. — Viele Israeliten, unter ihnen Rabbi Gerfon, der Vater Rabbi JoselmannS und alle feine Familienangehörigen, hatten sich nach der Festung Lützelstein geflüchtet, und wenn sie auch da viel zu leiden hatten von Hunger, Durst und Külte — es war im Januar und der Winter war kälter als er feit Menschen Gedenken gewesen — — so blieben doch ihr Leben und daS Eigenthum, welches sie mit sich gebracht hatten, unversehrt. — Schlimmer erging es Anderen, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, um sich dort vor den Verfolgern zu verbergen. Die Kälte trieb sie aus dem Gebirge hervor nach dem Städtchen Dürkheim am Fuße des Hardtgebirges. Hier flehten sie die christlichen Bewohner des Städtchens an, sie zu verbergen Diese hatten auch Anfangs Mitleid mit den Unglücklichen und nahmen sie in ihre Häuser auf. Als aber die Verfolger herankamen, fürchteten sie für Leben und Habe und lieferten die armen Juden den wilden Söldnern aus. < Die Armen wurden geplündert und sollten dann gezwungen werden, zum Christenthume überzutreten; aber alle, ohne Ausnahme, selbst die kleinen Knaben und Mädchen, erklärten, lieber sterben zu wollen; aber sie warfen sich zur Erde nieder und weinten und flehten, daß man ihres Lebens schone und kein unschuldig Blut vergieße. Da gewährte die Habsucht der Söldner, die noch stärker war als ihre Mordlust, den Unglücklichen einen kurzen Aufschub. „Wenn Ihr", sprach der Anführer, „bis morgen Mittag um diese Zeit Euch mit achthundert Goldgulden löset, zehn Goldgulden die Person, so soll euch euer Leben geschenkt sein." So sprach der Hauptmann; aber für die Unglücklichen war die Aussicht auf Rettung gering; denn alle Juden weit und breit waren getödtet, beraubt oder entflohen. — Die Stadt Mühlhausen hatte vor den Söldnern ihre Thore geschlossen, und so waren die dortigen Juden von der Verfolgung verschont geblieben. Daselbst wohnte ein frommer, edler, wohlhabender Mann, Namens Juda Bamis; als dieser von der Ermordung seiner Glaubensgenossen hörte, da trauerte er, zerriß seine Kleider und setzte sich mit all den Seinen auf die Erde, geradeso wie Jemand um einen nahen Verwandten, welchen der Tod hinweggenommen, trauert. Zu Juda Bamis kam die Kunde von den mit Tode Bedrohten zu Dürkheim. Da raffte er Alles zusammen, was er an baarem Gelde besaß, verkaufte noch Gold und Geschmeide, bis er achthundert Goldgulden beisammen hatte; diese übergab er seinem Knechte, Namens Mordechai, und befahl ihm, sich auf den Weg nach Dürkheim zu machen, um die Gefangenen auszulösen. — Unterdeß war die vom Hauptmann der Söldner bewilligte Frist verstrichen, und lautlos gottergeben erwarteten achtzig Personen den Tod durch Mörderhand. Zwei Männer, einer Namens Benet (Benedict), der andere ein Gelehrter, ein vornehmer, hochangesehener Mann, Namens Rabbi Zadok, sollten zuerst abgeschlachtet werden. Sie knieten nieder, sprachen das Sündenbekenntniß und entblößten den Hals dem Mordschwerte der rohen Gesellen. Da rief es plötzlich: Halt, Halt! ich bringe das Lösegeld!" Der treue Knecht Mordechai war eS; er war gewandert die ganze Nacht und den ganzen Vormittag ohne sich Rast zu gönnen. Jetzt stürzte er nieder zu den Füßen des Hauptmannes, den goldgefüllten schweren Beutel hoch emporhaltend. Und die Räuber waren ehrlich, sie nahmen das Geld und entließen die Gefangenen, welche der treue Mordechai in daS Haus des Juda Bamis nach Mühlhausen führte, woselbst sie sich von allen ausgestandenen Drangsalen erholten. Nur jener Benet, der schon das Schwert gegen seinen Hals auSgestreckt gesehen hatte, war in Folge des Schreckens stumm geworden und erlangte erst nach einem halben Jahre die Sprache wieder. Groß war die Freude des Juda Bamis ■, daß es ihm vergönnt war, so vieler Menschen Leben zu retten, und er entließ die Geretteten, die er mit allem Röthigen versorgte, nicht eher, bis jede Gefahr vorüber und der Letzte der Schweizer-Söldner hinweggezogen war. Und Gott segnete den edlen Mann mit großem Reichthum und großem Ansehen, ihn und seine Nachkommen; denn wer Leben und Vermögen wagt, um Unschuldige vom Tode zu erretten, der genießt die Früchte seiner guten Thaten in dieser Welt; der Hauptlohn bleibt ihm ausbewahrt für die zukünftige Welt. Rabbi Gerson Loans kehrte, als er die Festung Lützelstein verließ, nicht nach Oberehnheim zurück, sondern ließ sich in Rosheim nieder, wo ihm ein Sohn geboren wurde, den er Joseph — mit dem Beinamen Joselmann — nannte. Dieser Joseph sollte, wie einst der erste dieses Namens in Aegypten, ein Befreier, Erretter und Versorger seines Volkes werden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann« — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. 3. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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