Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1878)
- Date
- 1878-07-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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730 Preßburger Jeschibah sich zu Rabbinen ausbilden, von der Militärpflicht befreit wurden. Es ist dies eine Errungenschaft, die nur dann nach ihrem vollen Umfange gewürdigt werden kann, wenn man in Erwägung zieht. daß hiedurch zu einer Zeit, wo von einer Judenemancipation noch keine Rede war, es Herrn Deutsch gelungen, in dieser Beziehung die jüdische Confesston auf die Stufe gleichen Rechtes mit allen übrigen Confessionen LeS Landes zu heben, indem die Rabbinats - Can- Didaten, gleich den Studirenden der verschiedenen Theologen, der Befreiung von der Militärpflicht theilhaftig wurden. Nun eröffnete Herr Deutsch seinen Kampf gegen den Gemeindezwang, unter, dessen Druck die Orthodoxen im ganzen Reiche schmachteten. Er erwirkte es, daß es jeder Fraction gestattet sei, sich von den Reformgemeinden loszutrennen und selbstständige Ortsgemeinden zu constituiren, ohne an Die Reformgemeinden irgend eine Cultussteuer entrichten zu müssen. Und in Mehreren bestanden bloß Neformtempel, und wurden die rechtgläubigen Juden gezwungen, ihre Gebete in denselben zu verrichten. Die Anhänger des alten Judenthums in Ungarisch-Brod wendeten sich an Herrn Deutsch wegen Beseitigung dieses unerträglichen Gewissenszwanges , der denn auch sofort einen hohen Miriisterialerlaß erwirkte, kraft dessen die Existenz der alten Synagoge nicht angetastet werden durfte. Folgende Thatsache verdient gewiß, daß sie historisch verewigt werde. Es war im Jahre 1852. Ein hochgestellter einflußreicher Staatsbeamter erwirkte nämlich eine strenge Weisung behufs Ausweisung jener Juden aus Wien und der Umgebung, die nicht dort zuständig waren. Diese drakonische Weisung berührte nicht bloß die Tausende von Existenzen, die hiedurch vernichtet werden sollen, sondern bildete dieselbe eine empfindliche Erinnerung für die gesammte Judenheit im ganzen Reiche. Ende vao bei 15 Grad Kälte, verbreitete sich die Schreckensnachricht: man habe zahlreiche jüdische Familien, worunter auch Greise, Kranke, Wöchnerinnen, schwache Mütter mit ihren kleinen Kindern, in's Gefängnißhaus abgeführt, um dieselben früh Morgens nach ihren Heimaths- und Zuständigkeitsorten abzuschieben. Um 7 Uhr Abends «rschien eine Massendeputation bei Herrn Deutsch, rrm demselben den unseligen Jammer der Hartbeiroffenen in seiner ganzen schmerzlichen Bedeutung an's Herz zu legen. Allein was denn in so später Abendstunde thun? Und doch lag ja auch in der geringsten Verzögerung die größte Gefahr, indem, wie gesagt, die Abschiebung schon für den nächsten Morgen bestimmt war! Das starke Vertrauen in die göttliche Hilfe, die ihn auch bisher nie verlassen, verlieh ihm den Muth, unverzüglich in der kaiserl. Burg Hilfe zu suchen. Die Aufgabe war indeß eine außerordentliche. Für diesen Abend war nämlich gerade ein Kammer - Ball bei der Mutter des Kaisers. All diesen Schwierigkeiten gegenüber behielt Herr Deutsch seine Geistesgegenwart. Um 9 Uhr verließ er seine Wohnung, ohne jedoch selbst zu wissen, wie denn in der Nacht und zwar in einer Ballnacht vor Seine Majestät hintreten! Der Einzige, der ihm in dieser Stunde höchster Gefahr Muth und Vertrauen einflößte, war sein väterlicher Gönner, der Reichsprästdent F. Kibek. Und das Schwierigste ward mit Gottes Hilfe alsbald vollbracht. Um 4 Uhr Morgens kam der Befehl, die Abschiebungs-Verordnung zu beseitigen, und die unglücklichen Verhafteten wurden sofort in Freiheit gesetzt. Erst in jüsgster Zeit — im Jahre 1873 — haben die Reformer in Galizien sich neuerdings aufgerafft, um unter dem nichtigen Vorwände von „Humanitätsrücksichten" bei den dortigen Landesbehörden die Schließung von sämmtlichen Talmud Thora-Schulen zu bewirken. Ein Schrei der Verzweiflung entrang sich jedem für's Judenthum fühlenden Herzen. Herr Deutsch erwirkte einen Erlaß des Cultusministeriums. welcher die diesfalligen Verfügungen der Landesbehörden in Galizien annullirte. Gleich darauf — im Jahre 1874 — folgte ein anderer höchst erfreulcher Act, der auch dem Kaiser in den Herzen der rechtgläubigen Juden ein bleibendes Denkmal segensvoller Erinnerung sichert, und dies um so mehr, als für einen solchen Gnadenact in keinem andern Staate ein Beispiel vorhanden. Die Rabbinen Galiziens wendeten sich nämlich an Deutsch mit der Bitte, dahin wirken zu wollen, daß es den jüd. Soldaten aus Galizien und der Bukowina, die zum größten Theile aus frommen Familien abstammen, und zumeist sogar zu den amen n*a gehörten, welche es daher mit ihrer religiösen Ueberzeugung unvereinbar finden, Nicht-Koscher-Kost zu genießen — gestattet werden möge, sich mit streng - rituell bereiteten Speisen verköstigen zu dürfen. Es ist selbstverständlich , daß die Militärbehörden aus Rücksicht auf die „ kräftige Ernährung des Mannes" zu einer solchen Concession schlechterdings nicht zu bewegen waren. Im Interesse der Religion trat Deutsch neuerdings mit einer allerunterthänigsten Bitte vor die Stufen des allerhöchsten Thrones hin. Auch dieser, von militärischem Gesichtspunkte sehr schwierigen Bitte ward die allergnädigste Gewährung zu Theil, indem der Kaiser allerhöchst gestatten, daß jeder jüdische Soldat, seinem freien Ermessen gemäß, aus der Menage austrete, um