Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1878)
- Date
- 1878-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XIX. Jahrgang. Erste Leilage;n Ar. 29 des Israelit. Leitende* Artikel. Iriede. (Zur Würdigung des Satzes: l^BKty Diton ir« ^303 ni"pn iök d.tj»3 di^i t"y cnay (.unm nriutv jio ]na bi^»1? aiD’ Von M. I. Cohen in Frankfurt a. M. In dem Leitartikel Nr. 27 dieses geschätzten Blattes will Herr Rosenthal den, besonders durch den damit gemachten Mißbrauch bekannten Satz 'ui Diäten ^iu beleuchten. So viel Schönes und Wahres dieser Artikel auch sonst enthält, so ist dessen Aufgabe, den Sinn des Satzes festzustellen, wenig gelöst worden. Ganz richtig ist es, daß dieses eine von den vielen Stellen (in Mischna, Talmud, Boraithot und Midraschim) ist, in der, mit dem Ausrufe vibv.i Vru! die Heiligkeit und mächtige Bedeutung des Friedens ausgedrückt werden soll. Nach der vom Verfasser gegebenen Erklärung. jedoch erhielte hier dieses Wort eine sehr schiefe Stellung und spräche danach von einem Zustande in der jüdischen Gemeinschaft, der durchaus durch bi^>p nie und nimmer bezeichnet werden kann! Groß ist der Friede — hieße es demnach — daß wenn Israel seinem Berufe untreu werden würde — ein Verhältniß, zu dem es indeß, wie der Verf. mit Recht so deutlich hervorhebt, nie kommen kann, — dann der göttliche Einfluß bei ihm aufhören würde. Von diesem Erfolge des Friedens (?) soll das Wort OivvTi.^>ru sprechen? Und dann aus der zu deducirenden Folgerung, welche Bedeutung das Zusammenwirken Israels zum Guten haben würde, sollte allenfalls dem mißbrauchten Dibtp zu seinem Rechte verholfen werden! — Das kann der Sinn des Satzes nie und nimmer sein. Möge deßhalb die einfache Auseinandersetzung des Gedankens, welcher diesem vielumworbenen Satze zu Grunde liegen dürfte, hier eine Stätte finden, um demselben seine Stütze für das Lager der Reform - und der damit coquettirenden Parteien zu nehmen. Als einfache Folge der Grundwahrheit, daß hienieden in der Regel dem Bösen die Strafe nicht auf der Ferse folgt, wodurch ja die freie Selbstbestimmung des Menschen sehr beschränkt werden würde, begegnen wir in allen Theilen unserer heiligen Literatur den verschiedenen Ursachen, die es erwirken, daß die Vorsehung in verschiedenen Fällen mehr oder weniger zurückhaltend in der Vergeltung ist, daß die Eigenschaft der göttlichen Vorsehung "d’ök i">tt„ hier mehr dort weniger zur Anwendung gelangt. Hierher gehören folgende Sätze (Gen. 15,16) r mn -iy niDfctn ny vblv »b (Exod. 9, 16) vvitti 'f«i “pmcyn n«i iiayv. Auf den Satz (Deut. 15,9): „Er wird deinetwegen den Ewigen anrufen, und es dir zur Sünde angerechnet werden," heißt es im Sifri: Bipv ^>3v «Bn *p '\-n, jedoch durch den Klageruf des Armen wird die Strafe eher erfolgen. Die Ausübung der guten Werke, heißt es (Sota II. 21), schützt vor Strafe während der Ausübung derselben, das Thoralernen hingegen schützt auch außer der Zeit, in der man sich damit befaßt. — Entschieden dem Sinne unseres Satzes sich anschließend , heißt es Midrasch Gen. Cap. 63: „Als Achas zur Regierung kommen sollte, klagten die Engel darob: „Es ist der Sohn Jatom's, sagt Gott, der Vater war ein Gerechter (vivOv ^iv' ij»ki 13 h» rin), ich vermag meine Hand nicht nach ihm auszustrecken." Diese und viele andere Stellen, deren Erörterung und Zusammenstellung sehr interessant wäre, sind hier eigentlich nicht am Orte, sie sind nur als Kategorie zu bezeichnen, zu welcher unser Satz gehört, um ihn zu verstehen. Wenn nun in unserm Satze die hohe Bedeutung gefeiert werden soll, die der Friede in den Augen Gottes hat, so soll damit nie und nimmer der Lethargie und der Gleichgiltigkeit gegen das Höhere das Gepräge des göttlichen Wohlzefallens aufgedrückt werden, so wenig als dieses der Psalmist aus» drücken wollte, als er den Werth des Friedens besungen im 34. Psalm: „Wer ist der Mann, der Wohlgefallen hat am Leben rc., der bewahre seine Zunge rc, er meide das Böse und übe das Gute, suche nach Frieden und strebe ihm nach." Offenbar handelt es sich hier wie dort um die Bewährung jenes edlen Charakterzuges, den Frieden mit Hintenanfetzung der wichtigsten Bortheile und unter den schwersten Opfern (die das Leben oft dafür fordert) aufrecht zu erhalten. Bon eben jenem Kreise aber (dem „Hause Israel), den unser Satz schildert, wissen wir es, daß trotz des Götzendienstes dieser edle Zug sich dort bewährt und behauptet im vollen Gegensätze gegen jene Despotengewalt, die allerdings den Götzendienst zu verbreiten vermöchte, aber weder durch Fürstengunst noch Fürstengewalt in jedem einträchtigen Streben das Volk zu bestimmen vermochten.