Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1878)
- Date
- 1878-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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704 «m über diese so wichtige Frage zu verhandeln. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich Ihnen weitere Berichte darüber zukommen lassen. (Wir sehen Ihren Berichten mit Freuden entgegen. Redaction des „Israelit.") mir. Fettilleion. Simon Keding.*) Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von S« Kolm. (Verfasser von „Gabrie!".) (Fortsetzung.) Die beiden Frauen waren in einem lebhaften Gespräche begriffen. Wilhelminens hohe, schlanke Gestalt erschien selbst in der ärmlichen Hauskleidung voll Anmuth und Liebreiz, ihre Augen glänzten, über ihre sonst bleichen, sckwermüthigen Züge war ein rosiger Schimmer der Freude hingegossen. Wilhelmine hatte, sobald sich Muhme Kele von ihrem Krampfanfalle, der sie, wie dies häufig zu geschehen pflegte, in der Nacht befallen, vollends erholt hatte, Scharlachröthe auf den Wangen und mit hochwogendem Busen erzählt, sie habe, als sie am frühen Morgen dem Arzte beim Weggehen das HauSthor geöffnet, Simon Reding getroffen, er liebe sie noch immer fo treu als sie ihn, daß sie sich auf der Straße durch die Ankunft fremder Menschen trennen mußten, und daß sie Nachmittags seinen Besuch erwarte. Mehr als sieben Jahre wußte Muhme Kele, daß Wilhelmine den abwesenden, im Kerker schmachtenden Reding mit jener reinen, hingebenden Neigung liebe, welche durch ihre Macht und Stärke vor keinem Hindernisse, nicht vor äußern Lebensverhältnissen, nicht vor Menjchenwillen zurückweicht. Wilhelminens Liebe war eine edle, geläuterte, nicht jene unedle oder halbedle, wie wir sie in guten und noch mehr in schlechten Romanen zum Ueberdrusse oft gut oder schlecht geschildert lesen, ihre Liebe zu Reding hatte eine feste, weil edle, Grund, läge, sie liebte in ihm den Mann, dessen Wesen ihr sympathisch war, und den guten, starken Charakter, und das Mitleid, die Theilnahme, die sie dem *) Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrecht Vorbehalten. — davon war sie innig überzeugt — unschuldig Leidenden zu schenken sich verpflichtet hielt, verschönte, veredelte, wenn noch möglich, ihre Neigung. Sie war von der Gewißheit durchdrungen, daß, wenn sie elend und unglücklich geworden wäre, daß, wenn durch irgend eine jener unergründlichen Fügungen des unerforschlichen Gottes,'die so oft im Menschenleben erscheinen, sie aus den Reihe« der Menschheit gestoßen, sie in Ketten und finstere Kerkersnacht geführt, auch Reding ihr bis an sein Lebensende die Treue gewahrt hätte. Wilhelmine Erdmann's Neigung für Reding unterschied sich von der gewöhnlichen Neigung zwischen Personen zweierlei Geschlechts schon dadurch, daß auch ihr Verstand die tiefe innere Regung ihres Herzens für den Unglücklichen als Pflicht erkannte, daß ihr reines, keusches, frommes Herz glaubte, auch ein — übrigens gewiß vergeblicher — Versuch, sich von dieser Neigung loszureißen, wäre eine Pflichtverletzung, daß sie tief und innig überzeugt war, daß der ewige, unendliche Gott, der^Va^er der Waisen und Verlassenen, diese keusche, reine Mitbt billige — Kele Liblitz wußte das Alles, obwohl Wilhelmine seit sieben Jahren heute das erste Mal von Simon Reding sprach; — aber Wilhelminens früheres, tiefes Schweigen über ihn, ihr träumerisches Hinbrüten, ihr Vorsichhinstarren, die heißen Thränen, die ihr über die Wangen liefen, wen« sie sie zuweilen plötzlich in dem kleinen, anstoßenden Kämmerchen, in dem sie arbeitete, überraschte, waren überzeugendere Beweise, als eS die lauteste« Versicherungen gewesen wären. Kele Liblitz war von dieser Mittheilung im höchsten Grade überrascht, sie war von dieser völlig betäubt worden, und im Zweifel, wie sie die neuen Verhältnisse beurtheilen sollte, hatte sie sich über Reding noch gar nicht geäußert, und mit großem Geschicke das Gespräch, sich vorläufig an Nebensächliches haltend, fortgeführt. Kele war von Natur aus eine kluge Frau, aber sie hatte weit mehr als ein halbes Jahrhundert entfernt vom Getriebe der Welt gelebt, Alles, was sich nicht geradezu im Herzen des engen Ghetto's abwickelte, war ihr fremd geblieben oder fremd geworden; äußere Lebensverhältnisse unbekannt geworden. Sie wußte, daß Simon Reding seine vierjährige Kerkerhaft am Spielberge zu verbüßen habe. Die Zellen dieses furchtbaren Gefängnisses standen in.schlechtem Rufe, und die geschäftige Fama wußte die an und für sich grausige Wahrheit durch Zuthaten und Uebertreibungen zur entsetzlichsten Gräßlichkeit zu entstellen. Es hieß in der Prager Judenstadt, daß selten ein zu mehrjähriger Kettenhaft am Spielberg Verurtheilter diesen lebend verlasse. Sie hatte stets für Reding gefürchtet, für Wilhelmine