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Der Israelit · 1878-07-17 · Heft 29 (17.7.1878) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 29 (17.7.1878)
Date
1878-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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703 Uebrigens glaube ich, ließe sich jene mangelhafte Entwickelung des Gesichtfinaes bei der Jugend vielleicht auch folgendermaßen erklären. Bekanntlich sind die Wohnungsverhältnisse von wesentlichem Einfluß auf die Entwickelung der Augen und ist es constatirt, daß man bei ärmeren Leuten öfter eine Verstümmlung besonders der Sehfähigkeit findet. Da nun die Jude» überhaupt für den Schulbesuch, besonders an höheren Anstalten, einen größeren Procentfatz als die Christen liefern, da selbst Kinder ärmerer Familien zum Besuch derselben bis ins vorgerückte Alter angehalten werden. so ist es begreiflich, daß die Farbenblindheit hier verhältnißmäßig mehr vertreten ist, als bei christlichen Schülern. Es würde hiernach jenes Resultat für die Strebsamkeit und den Bildungsgrad der Juden kein schlechtes Aeugniß ablegen. Australien. Melbourne, 14. Mai. Unter den Juden Melbournes ist seit letzter Woche eine lebhafte Agitation auSgebrochen, deren Ursprung und Verlauf die verehrl. Leser Ihres gefch. Blattes interessiren dürfte. Doch bevor ich beginne, muß ich bemerken, daß hier, in der sogenannten Hauptstadt der südlichen Halbkugel, zwei jüdische Gemeinden existiren; die eine, die ältere ist ungefähr vor 30 Jahren gegründet wurden; die andere ist eine Tochtergemeinde, und zugleich eine Rivalin der ersteren. Beide feinden sich nach Kräften an, und namentlich haben sich von jeher die Prediger derselben um die Priorität gestritten. Selbst Oberrabbiner Dr. Adler in London konnte keinen Frieden Herstellen. Daß unter solchen Umständen die religiösen Verhältnissen leiden müssen, läßt sich leicht denken. Eine der vielen Streitfragen war von jeher die Zulässigkeit als Proselytinnen der an Juden verheiratheten Christinnen. Als im Jahre 1851 die Goldfelder hier entdeckt wurden, kamen unter den Einwanderern auch viele jüdische Männer an, die sich später verheirathen wollten, für die es aber nicht genug jüdische heiraths fähige Mädchen vorfanden. Viele heiratheten Christinnen. Als in späteren Jahren die Reue nachkam, und insbesondere andere glaubenstreue Juden (deren es Gott Lob noch manche unter den englischen Juden gibt!) den Umgang mit jenen gesetzwidrig verheiratheten Juden mieden, wandten sich dieselben an eine der jüdischen Gemeinden und ließen ihre Frauen mit Genehmigung des Rabbinats ins Judenthum aufnehmen. Die Zeiten haben sich seitdem geändert, es herrscht nunmehr kein Mangel, sondern Ueberfluß an jüdischen, jungen Damen; und dennoch kommen Mischehen noch alljährlich vor. Die Mitglieder der East Melo. Congregation haben daher in einer öffentlichen Versammlung den Beschluß gefaßt, für die Zukunft unter keiner Bedingung derartige Proselytinnen aufzunehmen; die Erfahrung hat gelehrt, daß in den meisten Fällen, die Bekehrung nur eine oberflächliche gewesen, und wenn man in solcher Weise den jungen Leuten. Vorschub leiste, Christinnen zu heirathen, was solle aus der jüdischen Religion und in einem so kleinen abgeschlossenen Land aus den jüdischen Mädchen werden? Die West-Melb. Congregation indessen fährt fort, Christinnen aufzunehmen. Am Samstag, den 4. d. M. brachte eine Morgen- Zeitung die Nachricht, daß an demselben Tage Dr. Jacobson über „die Bekehrung der Christen zum Judenthum" predigen werde. Dies regte sofort Aufsehen unter den Juden sowohl, als unter den Christen; die Reporter der verschiedenen Zeitungen fanden sich ein, um Sensation erregende Artikel für ihre dürftigen Blätter zu erhalten. Dr. Jacobson, der erst vor Kurzem hier angekommen und nur auf Probe angestellt ist, übersetzte den Vers '3i n« omntn in folgender naiver Weise: „And ye shall love the proselyte, for y© have been looked upon as proselytes in Egypt.“ D. h.: „Und ihr sollt den Projelyten lieben, denn ihr seid als Proselyten in Egypten betrachtet worden!" — Im ersten Theile seiner Predigt sprach er sich streng gegen die Sünde der Mischehen aus; im zweiten Theil befürwortete er in eben so strengen Worten die Zulässigkeit von nn: und ona. Diese Predigt. an und für sich ein Widerspruch, hat böse Früchte gezeitigt. Des Tages darauf erschien im „Argus" ein Brief von „A.Jew", der in freudigen Worten die neue Aera begrüßte, in welcher Mischehen nicht mehr zu den Ausnahmen, sondern zu der Regel gehören. Ja, er ermahnte geradezu seine jungen Glaubensgenossen Christinnen zu heirathen, da dies im Interesse des Judenthums wäre. Der Brief wurde sofort von dem Prediger der St. Kilda Congregation, HerrnM£. Maibaum, widerlegt, und seitdem erschienen Tag für Tag Briefe im Argus, aus denen erhellet, daß n"2 noch genug GlaubenStreue unter den hiesigen Juden herrscht, dem Unwesen der Mischehen entgegenzuarbeiten. Nur ist es schade, daß auf diese Weise jüdische Angelegenheiten vor das christliche Publikum gebracht werden, wodurch wir sicherlich nicht in der Achtung unserer Mitbürger steigen. Die Correspondenz ist noch nicht zu Ende, und in aller Wahrscheinlichkeit wird binnen Kurzem ein öffentliches Meeting der Juden Victorias stattfiaden.

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