Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1878)
- Date
- 1878-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447776--15137-2471074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
702 Ten und besonneren Kreisen Nichts als ein Gefühl des Mitleids oder gar der Verachtung. Die Herren sollten doch wissen, daß sie mit solchen Ammenmährchen: vom Gift, das das Judenthum -er Gesellschaft beibringt, in der Metropole Deutschlands , wenig Glück haben würden und daß sie durch solches Treiben allen Vorurtheilsfreien erst recht die Augen öffnen über die Absicht, welche -ie frommen Herren und Apostel der Religion der Liebe hegen. Mit Recff^ behauptete jüngst in einer hiesigen politischen Versammlung ein Redner, daß die Hofpredigerpartei der christlichen Socialen nicht minder gefährlich sei als die Socialdemokraten und wenn c ese ans Ruder kämen, dann würden wir bald in Berlin in der Spandauerstraße dieselben Zustände finden, wie wir sie jüngst in Kalifch erlebt hatten. Ueberhaupt scheint es, daß das Berliner Publicum nimmer mehr zur Besinnung kommt. Es heißt hier nämlich, daß ein grtzßer Theil der begeisterten Anhänger Richard Wagners erklärt habe, daß sie ferner keinerlei Beiträge zahlen würden zur Erhaltung des Bayreuther Wagnerblattes, weil der Meister der Zukunftspfeife dasselbe benutze zur Veröffentlichung politischer Artikel, die geeignet wären, die Eintracht unter den Lesern zu zerstören. Seine Unfehlbarkeit, Herr Wagnerhaman, geruhte nämlich wieder einmal in einem feuerigen Brandartikel seine allbekannte Ansicht über Juden und Judenthum zum Besten zu geben und wollte so sich auch auf politischc -: Gebiete die Sporen verdienen. Solchem unsinnigem Gebühren gegenüber nimmt es sich sonderbar aus, wenn man liest, daß auf dem hiesigen „Journalifiencongreß", an welchem die gefeiertsten Vertreter der europäischen Journalistik Theil nahmen. ein italienisches Mitglied auf das Vaterland „GötheS, Schillers, Heines, MeyerbeerS und Mendelssohns" toastete. WaS wird wohl Meister Wagner für Congestionen bekommen haben, als er diese wahnwitzige Worte eines verblendeten Verehrers deutscher Muse hörte, der unter den bedeutendsten Trägern deutscher Kunst nicht weniger als drei nennt, deren Wiegen in den Zelten Israels gestanden! Sind wir richtig informirt, dann hat er dem Congreß telegraphisch sein Beileid auögedrückt. Berlin. Hier hat sich vor einiger Zeit wieder ein Verein constituirt, der damit umgeht, in der Louisenstadt eine den Zwecken der dortigen jüdischen Bevölkerung entsprechende Synagoge zu erbauen. So viel wir wissen, hat sich bereits eine große Anzahl als Mitglieder aufnehmen lassen und in einem eigens gemietheten Lokal den täglichen Gottesdienst eröffnet. Und in der That war das Bedürfniß in jenem Stadttheil ein sehr lebhaft empfundenes und war schon früher des Oefteren um die Herstellung und Erhaltung einer Synagoge aus Gemeindemitteln an den Vorstand petitionirt worden und war auch bereits von zuständiger Seite wegen Ankaufs eines geeigneten Platzes unterhandelt worden. Weshalb die Herren in der Oranienburgerstraße von diesem Project abgekommen sind, entzieht sich unserem Berständniß, wie so Manches, was dort am grünen Tisch decretirt wird. Ob in der neueröffneten Synagoge auch das Gebetbuch ohne Abstrich und Verstümmelung eingeführt werden wird? Wir wollen es im Interesse des Gedeihens jener Gemeinde wünschen, der sich begründete Aussicht einer steten, segensreichen Entwickelung eröffnet. Als Prediger fungirt dort der bekannte Herr Dr. Julius Landsberg. — Noch eine andere Gemeinde verspricht hier aus nur winzigen Anfängen zu immer größere Bedeutung und Entwickelung sich zu gestalten, ich meine die Gemeinde nan«, die alle Anstrengungen wacht, um in dem neu gemietheten Betlokal eine immer größere Anzahl von Mitgliedern zu vereinigen. Breslau. Hier haben sich jüngst Herr Prof. Dr. Hermann Cohn und Dr. Hugo MagnuS der mühevollen Arbeit unterzogen, die hiesige Schuljugend auf Farbenblindheit zu untersuchen, d. h. zu ermitteln, wie viele von ihnen gegen gewisse Farbeneindrücke wenig und gar nicht empfindlich sind und es hat sich hieraus folgendes merkwürdige Resultat ergeben: Unter 2561 Schülern fanden sich 67 farbenblind, also 2,7 Procent, unter 2318 Schülerinnen nur eine, d. h. 0,04 Procent, und zwar war der Procentsatz unter jüdischen Schülern eine viele größere als bei christlichen; nämlich unter 1947 christl. Schülern waren 42, also 2,1 Proeent, unter 814 jüdischen 34, also 4,1 Proeent farbenblind. Unter 836 Jüdinnen wurde keine einzige farbenblind gefunden. Unser berühmte Glaubensgenosse Lazarus Geiger hatte bekanntlich die späterhin von vielen Gelehrten bestätigte Behauptung aufgestellt, daß bei der alten Völkerschaft der Gesichtssinn weniger entwickelt als bei den spätern gewesen sei und sich erst allmählich zu seiner heutigen Empfindlichkeit entwickelt habe. Da nun das jüdische Volk in seiner Stammesreinheit und Charaktereigenthümlichkeit am meisten von andern Völkern erhalten hat, so dürfte sich jener Umstand wohl mit Recht darauf zurückführen lassen, daß auch diese Eigenthümlichkeit der Farbenempfindlichkeit sich bis heute conservirt habe.