Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1878)
- Date
- 1878-07-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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686 Der in diesem Schreiben erwähnte kaiserliche Generalauditor Sperl gab sofort die Fragen an, welche dem mittleren Sohne des Benedict Beifuß vorzulegen wären. Hierauf wurden, da Benedict Beifuß vier Söhne hinterlaffen hatte, die beiden mittleren derselben, Moses Benedict und Herz, vor die aus dem jüngeren Bürgermeister und einem Senator bestehende Untersuchungsbehörde geladen. Beide Beifuß behaupteten mit der größten Entschiedenheit, weder den Juden Marzia, noch die rrnter die Husaren ausgestreuten Zettel, deren einer ihnen gezeigt wurde, zu kennen. Der eine fügte noch hinzu: wie er denn nur dazu hätte kommen sollen, solche Zettel dem Marzia zu jenem Zweck zu geben, da er ja doch während des gegenwärtigen Krieges verschiedene ansehnliche Posten, welche wohl 100,000 Gulden überstiegen, im Namen seines Schwiegervaters Jsak Arnsteiner zu Wien an den Feld-Kriegs-Cassier von Klotz ausbezahlt habe. Hierauf wurden mit Sperle's Zustimmung beide Beifuß entlassen, nachdem sie Handgelöbniß an Eides Statt gethan hatten, sich nicht aus der Stadt zu entfernen. Der gegen einen der beiden Beifvß entstandene Verdacht, die östreichischen Husaren vermittelst des Marzia zur Untreue angereizt zu haben, beruhte auf den Verhörs-Protokollen, welche vom 11. bis zum 26. Oktober zu Heidelberg niedergeschrieben worden waren, und deren wesentlicher Inhalt folgender war: Ein Weib hatte eidlich ausgesagt, Marzia habe in ungarischer Sprache geschriebene Zettel des angegebenen Inhalts im Husaren-Lager, welches in der Nähe Heidelberg'« aufgeschlagen war, ausgestreut. Da Marzia dies leugnete, so wandte man die Folter gegen ihn an: eS wurden ihm die Schrauben angelegt und dann mit kleinen Hämmern an denselben geklopft. Sofort legte er das Bekenntniß ab, er habe es gethan, die Zettel aber von einem ihm unbekannten Husaren erhalten. Das Letztere wurde nicht im geringsten wahrscheinlich gefunden. Man unterwarf ihn daher einer schärferen Folierung, und nun sagte er: der mittlere Sohn des Benedict Beifuß zu Frankfurt habe ihm die Zettel gegeben und dafür, daß er dieselben im Lager auswerfe, einen Louisd'or bezahlt. Gleich darauf jedoch, als Marzia in sein Gefängniß zurückgebracht worden war, widerrief er seine Aussage als durch den erlittenen Schmerz und durch die Furcht vor weiterer Folterung heroorgerufen, indem er hinzufügte , er habe auf einen aus der Familie Beifuß ausgesagt, weil diese reich und angesehen sei und durch ihr Geld leicht werde bewirken können, daß ihr und ihm kein Leid geschehe; er wolle hierauf leben und sterben. Drei Tage nachher wurde er noch schärfer, sowie wieder mehrere Tage später mit dem dritten Grad der Tortur gefoltert. Nach dem Protokoll über die letzte Folterung rief Marzia beim Eintritt in die Folterkammer aus: „O weh! O weh! Gerechtigkeit, ach Gerechtigkeit und kein Gewalt, kein Gewalt! Der Richter betrachte seine Seele; es ist schwere Verantwortung, schwere Verantwortung!" Nachher brachten ihn die Folterqualen zu dem Geständniß: seine neuliche Aussage sei unwahr, er habe sie nur in Bitterkeit der Schmerzen, welche ihm bis in die Seele gedrungen, gemacht; die Sache aber verhalte sich also: er habe in Frankfurt mehrere Rollen Tabak feil getragen und mit einem jungen Menschen um eine derselben gehandelt, ohne mit demselben einig zu werden; als dieser weggegangen sei, habe er einen solchen Zettel, wie man ihm vorgezeigt, zusammengedrückt auf der Erde liegen sehen; er habe hierauf gefühlt, ob etwas in ihn eingewickelt sei, und als der Zettel sich leer erwiesen, habe er ihn wieder hingeworfen; dies sei die Wahrheit; wenn man ihn aber wieder foltern wolle, so solle man ihn doch lieber henken; denn er sage voraus, daß er in der Tortur wieder ganz anders und so, wie er denke, daß man es haben wolle, sprechen werde; er habe jedoch nicht unrichtig auf den jungen Beifuß ausgesagt und bitte, ihn nochmals zu examiniren, wobei dann seine Unschuld an den Tag kommen werde; die Schmerzen seien nicht zu überwinden; seine vier Kinder, von denen eines erst vierzehn Tage alt sei, würden in den siebenten Himmel schreien, und wenn Barmherzigkeit im Himmel sei, so müsse sie über ihn kommen; die Tortur sei nur für einen überwiesenen Schelm oder Dieb, der mit dem Laden unter dem Arm ertappt und durch vier Zeugen überwiesen worden sei; um Gerechtigkeit, ach Gott! um Gerechtigkeit bitte er und um die Gnade, jetzt sogleich gehenkt oder doch nicht mehr gefoltert zu werden; sein neunzigjähriger Vater habe sechszig Jahre in Langenselbold, wo er geboren sei, gewohnt; ach Gott, er sei ein ehrlicher Mann, der um Gerechtigkeit bitte. Am Tage darauf wurde der arme Mensch in ein gütliches Verhör genommen, in welchem er dann erklärte: es sei Wahrheit, daß er die ihm vorgezeigten Zettel ausgestreut, sowie daß er sie vom mittleren Sohne des Benedict Beifuß zu Frankfurt erhalten habe; derselbe habe ihm die Zettel in der Judengasse gegeben und zur Belohnung einen Louis'dor versprochen, welcher jedoch noch nicht bezahlt sei; den Inhalt der Zettel habe er nicht kennen gelernt, auch wisse er nicht, wie viele er erhalten und ausgestreut habe. Auf die